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Parasite

Gisaengchung, Bong Joon-ho, KOR 2019 – Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho fiel in den vergangenen Jahren eher durch Gedankenexperimente mit fantastischem Einschlag auf: ein Fluss-Monster, das Seoul terrorisiert (The Host, 2006); ein Zug, der sich seinen Weg durch eine eisige Apokalypse bahnt (Snowpiercer, 2013); ein zuckersüßes, genmutiertes Schwein, das in die Fänge einer korrupten Industrie gerät (Okja, 2017). Angesichts solcher Filme erscheint Joon-hos jüngster Streich – der in Cannes mit der höchsten Auszeichnung prämierte Parasite – geradezu bieder. Der dreht sich um die Familie Kim, die in überaus prekären Verhältnissen lebt. Die im Kellergeschoss gelegene Wohnung sagt schon alles über den sozialen Status aus: Regelmäßig pinkeln Betrunkene vor das Wohnzimmerfenster, in den Ecken stapeln sich Müll und Pizzakartons, die die vierköpfige Familie faltet, um sich über Wasser zu halten, brauchbares WLAN gibt es nur in der hintersten Ecke des WCs.

Eine Sache beherrschen Vater Ki-taek (Kang-ho Song), Mutter Chung-sook (Hye-jin Jang), Tochter Ki-jung (So-dam Park) und Sohn Ki-woo (Woo-sik Choi) dann aber doch ganz gut: andere in ihrem Sinne zu beeinflussen. So erhält Ki-woo bald (falscher Urkunden sei Dank) eine Anstellung als Nachhilfelehrer im Haus der Familie Park, die das sozioökonomische Spiegelbild der Kims sind: wohlhabend, vornehm, elitär. Und ziemlich gutgläubig. Die Parks lassen sich so lange einlullen und täuschen, bis auch die anderen Kims einen Job bei ihnen erhalten. Ohne jedoch, dass ihre neuen Vorgesetzten von deren Verwandtschaft wissen. Woher der Titel rührt, lässt sich also schon früh erahnen. Doch ob nun die Kims oder die Parks die wahren Parasiten sind (und wer der Wirt ist), das bleibt bis zuletzt und darüber hinaus unklar.

„Parasite“ von Bong Joon-ho (c) Koch Films / Capelight Pictures

Parasite ist von einer ebenso faszinierenden wie mitreißenden Genre-Mischung geprägt: Was als Heist-Movie light beginnt, wird als Thriller vorgeführt und findet seinen Abschluss in einem Charakter- und Familiendrama. All dem ist stets eine gute Portion Humor beigefügt, der vor allem als Situationskomik in Erscheinung tritt. Die teils grenzdebilen Küchentischgespräche der Kims, das neurotische Verhalten von Mutter Park (Yeo-jeong Jo) oder die Versteckspielchen im Mittelteil – das alles hätte ganz schnell albern oder aufgesetzt erscheinen können, fügt sich allerdings organisch in die Handlung ein. Und verfehlt deshalb nie seine Wirkung: Die komplette erste Hälfte ist von einer unterschwellig-grotesken bis -satirischen Stimmung geprägt. So entpuppt sich Parasite schnell als doppelbödige Sezierung der gesellschaftlichen (Miss-)Verhältnisse in post-industriellen Gesellschaften.

Zugleich ist da aber auch die andere Seite, die mysteriöse und unheimliche, die überraschende und schockierende. Eine Handvoll völlig unerwarteter, dennoch glaubwürdiger Plottwist verleiht Parasite einen ganz eigenen Spin, sodass einem das Lachen immer häufiger im Halse stecken bleibt. Das Finale kommt gleichsam konsequent wie unerwartet, die subtilen Andeutungen des Beginns kommen dann völlig zur Geltung.

Parasite besitzt einen unnachahmlichen Erzählfluss, die 130 Minuten vergehen wie im Flug. Die virtuose Inszenierung sowie die herausragenden Darsteller tragen ihr Übriges dazu bei. Wer auf einen verstörenden Mindfuck-Thriller gehofft hat, wird enttäuscht werden. Wer sich hingegen auf diese cineastische Sozialstudie über sozial-ökonomische Differenzen, Ehrlich- und Unehrlichkeit, dunkle Geheimnisse, familiären Zusammenhalt und die Frage, wie (sehr) Wohlstand gesellschaftliches Verhalten beeinflusst, einlassen kann, bekommt mit Parasite eines der erfrischendsten Kinoerlebnisse des Jahres serviert.

Parasite läuft am 17. Oktober in Deutschland an.

Bilder & Trailer: (c) Koch Films / Capelight Pictures

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8 Kommentare zu „Parasite Hinterlasse einen Kommentar

  1. Durfte den letzte Woche in der Sneak sehen und muss sagen, dass ich die allgemeine Begeisterung nicht teile. Wobei ich nach ca neunzig Minuten sicher war den Film des Jahres zu sehen, dann aber beginnt der Film für mich abstrus zu wirken. Das Finale hat sich für mich so angefühlt, wie jenes von OUATIH für dich. Schade, denn die erste Hälfte und eigentlich alles bis zum Unwetter sind von einer überwältigenden Qualität

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    • Das Unwetter war tatsächlich auch die einzige Stelle, die mich ein wenig herausgerissen hat. Aber im Gegensatz zu Once Upon fand ich, dass das Finale hier sehr schlüssig oder zumindest nachvollziehbar war. (Immerhin wurde auch nicht Vergeltung an jemandem geübt, der bisher nichts getan hatte. Das war ja eher schockierend…)

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      • Es war eine Kurzschlussreaktion nach einem Akt der Grausamkeit gegen ein Familienmitglied. Das ist ein ganz anderer Ansatz als in Once Upon. Moralisch verhandelbar, aber zumindest – aus einer Zuschauerposition – nachvollziehbar. Und eben kein stumpfer Gewaltexzess… Aber so unterschiedlich können eben Wahrnehmungen sein 🙂

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  2. Ich habe mir noch nichts durchgelesen, sondern nur die Wertung gesehen. Ich weiß zu diesem Film nichts, der Trailer ist so herrlich kryptisch, dass ich das auch so lassen will. Aber der Regisseur ist super, also gehe ich davon, dass ich deine Meinung schon bald teilen werde. 😅

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