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Harry Potter und der Gefangene des Binge-Watchings

Eine weitere Lücke in meinem popkulturellen Wissensschatz ist geschlossen: Ich habe endlich alle acht Harry Potter Filme gesehen. Am Stück. Mehr oder minder unfreiwillig. Jahrelang konnte (und wollte) ich mit dem Zauberschüler aus Hogwarts nämlich nichts zu tun haben. Zwar habe auch ich damals – wie wohl jedes Kind – eifrig die Bücher gelesen, stieg allerdings nach der Hälfte des vierten Bandes aus und fand dann nicht mehr zurück in diese Welt, die mich allmählich verloren hatte.

Der Grund dafür ist ein Paradoxon: Die Geschichten büßten mit fortlaufender Dauer ihre kindlich-unschuldige Faszination ein und verstrickten sich in immer komplexeren politischen und institutionellen Strukturen. Zugleich wurden zahlreiche Mysterien, Geheimnisse und Rote Heringe aufgemacht, weshalb ich mir in all diesem Wust bald so vorkam, als solle ich einfach nur erzählerisch hingehalten werden.

Ähnlich erging es mir mit den Filmen – was angesichts ihrer Quellentreue wenig überraschend ist. Zumindest die ersten drei kannte ich bereits, und während Der Stein der Weisen noch damit punkten konnte, die Welt der Zauberer erstmals in ihrer vollen visuellen Pracht auf Leinwand zu bannen, stellten sich schon bei Die Kammer des Schreckens erste Zweifel ein: Warum verstrickt sich dieser Dumbledore in derart vielen Rätseln und Andeutungen und bringt damit seine Schüler – insbesondere Potter – vorsätzlich in Gefahr? Und warum ist der Schulleiter so verdammt passiv, obwohl er doch eigentlich so mächtig sein sollte? Warum wird Potter in Der Gefangene von Askaban in Sekudenschnelle zum besten Freund von Sirius Black, den er zuvor nur als seinen potenziellen Mörder kannte? Derartige Fragen sollten im Verlaufe der folgenden Filme immer wieder auftauchen.

Einen echten Befreiungsschlag stellte dann Teil vier, Der Feuerkelch, dar. Der verfügte aufgrund des Trimagischen Turniers nicht nur über ein sehr angenehmes Erzähltempo, sondern wartete am Ende auch mit dem lang erwarteten Auftritt des Bösewichts auf, was der übergreifenden Erzählung enormen Schwung verlieh. Leider ging es danach steil bergab.

Teil fünf und sechs, Der Orden des Phoenix und Der Halbblutprinz, hinterließen in Ermangelung von Kenntnissen über die Bücher nämlich noch mehr Lücken und Fragen. Da wurden Figuren nur notdürftig eingeführt (kennt man diese Luna Lovegood schon?), die Motive zentraler Charaktere nur unzulänglich beleuchtet (wieder Dumbledore) und die Funktion magischer Artefakte völlig der Fantasie des Zuschauers überlassen (was sollen diese Glaskugeln aus Teil fünf?). Den Vogel aber schoss ein völlig hanebüchenes Plot-Device in Der Orden des Phoenix ab: ein Raum, der nur dann erscheint, wenn man ihn ganz dringend braucht. Is‘ klar. Magie ist kein Freifahrtschein für lazy writing, Mrs. Rowling!

Mit Film Nummer sieben war dann der traurige Tiefpunkt dieser filmischen Odyssee erreicht. Die Suche nach den Horkruxen (ein weiterer Eintrag in die Liste unzulänglich erklärter Artefakten) resultierte in einem Streifen, in dessen Mitte eine gute Stunde lang einfach mal nichts passiert, derweil die Protagonisten inmitten eines Waldes in Selbstmitleid baden. Den finalen Band in zwei Filme aufzuteilen, hätte angesichts des überstürzten Tempos und der lückenhaften Erzählung der beiden Vorgänger eigentlich die richtige Entscheidung sein müssen, wurde aber schon damals heftig kritisiert (so wie bei Die Tribute von Panem). Und das zurecht, wie ich feststellen musste. Immerhin konnte Die Heiligtümer des Todes Teil 2 seinen schwachen Vorgänger durch ein halbwegs zufriedenstellendes Finale wieder wettmachen.

Bereut habe ich diese Erfahrung trotzdem nicht. Zwar habe ich nach wie vor Probleme, einen echten Zugang zu den Harry Potter Verfilmungen zu finden, ihre geschriebenen und ungeschriebenen Regeln korrekt einzuordnen, Leerstellen zu akzeptieren und über die furchtbar inszenierte Szene mit der peitschenden Weide in Teil 3 hinwegzukommen. Und doch habe ich (zumindest einige) Charaktere mögen gelernt und auch den Schauplatz Hogwarts – den eigentlichen Star der Filme – ein wenig ins Herz geschlossen. Viel wichtiger aber: Ich weiß jetzt endlich, wie die Geschichte ausgeht, kann nun mitreden und zumindest nachvollziehen, woher die Liebe der Fans rührt.

Eine Frage schwirrt mir aber nach wie vor im Kopf herum: Wer bitte denkt sich Süßigkeiten aus, die denjenigen, der sie essen will, beißen und davon hüpfen?

Bild & Trailer: (c) Warner Bros.

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9 Kommentare zu „Harry Potter und der Gefangene des Binge-Watchings Hinterlasse einen Kommentar

  1. Seit einiger Zeit spiele ich mit dem Gedanken die Potter-Reihe ebenfalls nachzuholen. Ich bin damals nach 2 Büchern und 1 1/2 Filmen ausgestiegen. Auch wenn dein Fazit durchaus versöhnlich ist, glaube ich, dass dein Text meine Ambitionen erst mal wieder gedämpft hat 😉

    Gefällt 2 Personen

  2. Autsch. Harry Potter war in den Filmen immer ca. so alt wie ich und somit hat kaum ein Franchise so meine Kindheit und Jugend geprägt. Es wird dich nicht wundern, dass ich fast bei jedem Satz etwas einwerfen wollte (Es müsste ein Format geben wo ich genau das tun kann….)
    Nur zwei Sachen: 1. Der erste Film hätte eigentlich von Terry Gilliam sein sollen und ich trauere dieser Fassung immer noch hinterher.
    2. Dumbledore ist in den Filmen echt schlecht getroffen und wurde zur billigen Mentor-Figur. In den Büchern ist er deutlich verrückter und auch selbstkritischer. Er hat seine eigenen Probleme und zweifelt an seiner Person. Das kam in den Filmen leider gar nicht rüber.

    Gefällt 1 Person

    • Ok, eine Verfilmung von Terry Gilliam wäre tatsächlich sehr interessant gewesen. Weiß man, warum nichts draus wurde?
      Zu 2.: Ich kann mich hier ja nur auf die Filme beziehen. Und da hat er seine Mentoren-Rolle eher schlecht als recht erfüllt. Ich mochte ihn dennoch ^^

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