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Das Filmjahr 2019 – (M)ein kleiner Jahresrückblick

2019 war das Jahr, in dem die Popkultur endete. Nun ja, nicht ganz. Die großen Franchises, die Comic-Verfilmungen und die Fantasy-Serien werden uns auch in Zukunft erhalten bleiben – und ihre Dominanz im Kino- und Streaming-Markt höchstwahrscheinlich noch weiter ausbauen. Der gute Avengers: Endgame, der durchwachsene Star Wars Episode 9 und das katastrophale Ende von Game of Thrones markierten jedoch die (vorläufigen) Enden dreier langjähriger Reihen, die das Gesicht der Populärkultur im vergangen Jahrzehnt maßgeblich geprägt haben. Und sie zeigten: Große Erwartungen bringen meist auch große Enttäuschungen mit sich.

In der Rückschau war das Kino- und Filmjahr 2019 ein Abfolge von Höhen und Tiefen. Dem starken Frühjahr folgte ein Sommer voller Enttäuschungen, doch zum Ende hin holte es nochmal ordentlich auf. Vor allem dank Netflix, die auf den letzten Metern noch so einige Perlen in den Äther schossen. Von denen haben es auch tatsächlich drei in mein Jahres-End-Ranking geschafft. Nach wie vor tue mich schwer damit, mich auf eine konkrete Top 10 festzulegen, entscheide dies meist aus dem Bauch heraus und missachte dabei bewusst die Wertungen, die ich über das Jahr hinweg verteilt habe. Die folgende Liste ist also – selbstverständlich – völlig subjektiv und darf zwar gern diskutiert werden. Ich bitte in diesem Fall jedoch darum, nicht penibel auf die Bewertungen zu blicken, die der jeweilige Film seinerzeit von mir erhalten hat.

Platz 10: John Wick 3

Im Bereich der Actionfilme war das Jahr 2019 kein gutes. Da waren etwa die mittelmäßigen Fortsetzungen Terminator: Dark Fate und Hobbs & Shaw, der furchtbare Rambo: Last Blood und erst kürzlich erschien mit Michael Bays 6 Underground ein mittelgroßes Verbrechen an der gesamten Menschheit. Aber dann war da eben auch die große Ausnahme: John Wick Chapter 3 – Parabellum war eine der cineastischen Überraschungen für mich. Erst recht, da ich weder Teil 1 noch Teil 2 mochte. Der dritte Part, in dem Keanu Reeves abermals in die Rolle des übermächtigen Auftragskillers schlüpfte, bot im Hinblick auf Schauplätze, Waffen und Kampftechniken jedoch genau die Abwechslung, die ich bei den Vorgängern vermisst hatte. Ja, dieser Film ist zu lang und hat nichts zu erzählen. Doch Szenen wie die jene in der Bibliothek, im Messer-Shop oder auf dem Markt in Marrakesch sind inszenatorisch derart überragend, dass ich das sehr gern verschmerze.

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Keanu Reeves in „John Wick Chapter 3“. (c) Concorde Filmverleih

Platz 9: Ich habe meinen Körper verloren

Auch das Animationskino konnte in diesem Jahr nicht für Begeisterung sorgen. Einen herausragenden Anime wie Your Name vermisste ich schmerzlich, dafür gab es mit Drachenzähmen leicht gemacht 3 und Toy Story 4 zwar zwei gute, aber eben auch recht generische Fortsetzungen zweier Reihen, die ihren Zenit bereits erreicht hatten. Fast hätte es der großartige Klaus noch auf diese Liste geschafft, am Ende ist es jedoch die Netflix-Produktion Ich habe meinen Körper verloren geworden, die sich entgegen der anderen Beispiele explizit an ein erwachsenes Publikum richtet und mich mit ihrer melancholischen Grundstimmung, ihren existenzialistischen Gedankenanstößen und dem virtuosen Zeichenstil tief berühren konnte.

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„Ich habe meinen Körper verloren“ (c) Netflix

Platz 8: The Irishman

Netflix zum Zweiten: Dass es ein Großmeister des Kinos wie Martin Scorsese nötig hat, zu einem Streaming-Anbieter zu gehen, um seine kreative Vision von einem letzten großen Gangster-Epos zu verwirklichen, kann man zurecht ein schlechtes Zeichen über den Zustand Hollywoods interpretieren. Der Vorteil: The Irishman war sofort für ein weltweites Publikum verfügbar. Der Nachteil: Scorsese fehlte eine intervenierende Instanz, die diesen Mammutfilm noch einmal auf drei Stunden hätte herunterbrechen müssen. The Irishman ist zweifellos zu lang und fühlt sich letztlich wie ein großes Best-of-Scorsese und -Mafiafilm an. Aber: Die drei Hauptdarsteller De Niro, Pacino und Pesci sind eine Wucht. Der Film ist nahezu fehlerfrei inszeniert. Und die epochale Erzählung rechtfertigt sogar die Laufzeit von rund 210 Minuten. Ich freue mich jetzt schon auf eine zweite Sichtung – sofern meine Freizeit das jemals wieder erlauben sollte.

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Joe Pesci und Robert De Niro in „The Irishman“ (c) Netflix

Platz 7: Vice

Adam McKay hat ein seltenes Talent: Er weiß ganz genau, wie man schwerfällige Themen leichtfüßig und zugleich anspruchsvoll aufbereiten kann. Das bewies er schon in The Big Short, nun legte er mit Vice nach. Der hat nicht nur einige großartige Performances zu bieten (Amy Adams, Sam Rockwell und allem voran natürlich Christian Bale), sondern spielt auf wunderbare Weise mit dem Medium Film und der Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Fakten und Meinung. Eine bitterböse und urkomische Satire auf die Regierung Bush Jr. und den damaligen Vize-Präsidenten Dick Cheney, die von Anfang an offen legt, dass das hier „nur“ ein Film ist und deshalb keinen dokumentarischen Anspruch hat. Ich habe jede Minute genossen und fühlte mich weder unter- noch überfordert. Genau so muss eine Politsatire 2019 aussehen.

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Christian Bale in „Vice – Der zweite Mann“ (c) Annapurna Pictures

Platz 6: Marriage Story

Netflix zum Dritten: Der Hype um Marriage Story war groß und umso größer hätte die Enttäuschung ausfallen können – zumal ich Noah Baumbachs reichlich prätentiösen Frances Ha so gar nicht mochte. Doch die Loblieder waren berechtigt: Scarlett Johansson und Adam Driver (für mich der Schauspieler des Jahres) begeistern von Sekunde eins an als Künstler-Paar, das eine Scheidung durchmacht, die immer stärker eskaliert. Marriage Story gelingt der Balanceakt zwischen bodenständiger Komödie und unkitschiger (Anti-)Romanze, ist toll gefilmt, clever geschrieben und erweist sich als emotionale Achterbahnfahrt, die auf ihre ganz eigene, unnachahmliche Weise von einer tiefen, authentischen Menschlichkeit getragen wird.

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Scarlett Johansson und Adam Driver in „Marriage Story“ (c) Netflix

Platz 5: Joker

Man kann Todd Phillips‘ Joker vieles vorwerfen. Dass er Küchentisch-Psychologie betreibe. Dass er ein undifferenziertes Gesellschaftsbild zeichne. Dass er der neuen Rechten argumentatives Futter liefere. Oder dass er ausschließlich von seinem Hauptdarsteller lebe. All das teile ich nicht. Joker ist kein perfekter Film, aber ein absolut eindrückliches Porträt eines extremen Mannes, der in ebenso extremen Zuständen lebt und von seiner Umwelt allmählich in moralische und seelische Abgründe gepresst wird. Phoenix ist zweifelsohne großartig, gleiches gilt aber auch für die Kameraarbeit. Ich war gleichsam fasziniert und abschreckt – und genau diese Ambivalenz ist die große Stärke des Films.

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Joaquin Phoenix in „Joker“. (c) Warner Bros.

Platz 4: Parasite

Parasite ist – da dürften nur die wenigsten widersprechen – ein ganz und gar großartiger Film. Bong Joon-ho überrascht mit einem cleveren und vor allem originellen Drehbuch. Er weiß ganz genau, wie er seinen Film inszenieren muss. Er übt Gesellschafts- und Systemkritik hat auf ganz, ganz hohem Niveau. Und er spricht im Laufe der zwei Stunden, die dieser Film dauert, nahezu jede menschliche Emotion an: Freude, Lachen, Trauer, Schock, Angst, Horror, Verunsicherung. Jedes Loblieb auf Parasite ist absolut berechtigt. Dass es dieser Film, der bei sehr vielen wahrscheinlich auf Platz eins landen wird, bei mir nur auf die vier geschafft hat, liegt einzig daran, dass die folgenden drei noch mehr Eindruck hinterlassen haben.

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„Parasite“ von Bong Joon-ho (c) Koch Films / Capelight Pictures

Platz 3: Der Leuchtturm

Zwei Männer bewachen einen Leuchtturm. Was anderen bestenfalls als Grundlage für eine Kurzgeschichte dienen würde, wird in Der Leuchtturm zu einer traumatischen Reise an den Rand des Wahnsinns und darüber hinaus. Robert Eggers zweiter Film ist in jeder Hinsicht gegen den Strich der aktuellen Kinolandschaft gebürstet: In schwarz-weiß und in nahezu quadratischem Bildformat gedreht, dreckig, unangenehm, in menschlicher und ästhetischer Hinsicht ekelerregend. Und doch – oder gerade deshalb – strahlt dieser Film eine Faszination aus, die sich durchaus mit der Obsession, die Willem Dafoes Figur hier für das Licht des titelgebenden Leuchtturms hegt, vergleichen lässt. Er und Robert Pattinson tragen diesen Film bis an sein grauenvolles Ende. Ein unvergesslicher Trip in die Abgründe der Menschheit. Und erst diese Bilder!

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Willem Dafoe und Robert Pattinson in „Der Leuchtturm“. (c) Universal

Platz 2: Le Mans 66

Die Überraschung des Jahres: Le Mans 66 ist im Kern ein absolut klassischer Film, erzählt die Geschichte zweier Männer, die sowohl eine tiefe Freundschaft als auch eine absolute Obsession in Sachen Rennautos verbindet. Und obwohl ich einem Sport, der lediglich darin besteht, möglichst schnell ein paar Runden auf einer absteckten Strecke zu drehen, überhaupt nichts abgewinnen kann, hat sich James Mangolds neuer Film als völlig mitreißendes Ereignis erwiesen. Die Charaktere stimmen, der Humor auch, die Inszenierung sowieso. Würde man Le Mans 66 aufgrund seiner einzelnen Bestandteile bewerten, man käme zu einem bestenfalls guten Ergebnis. Das Gesamtpaket ist jedoch derart rund, dass sich dieser Film den zweiten Platz verdient hat.

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Christian Bale in „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“. (c) 20th Century Fox Germany

Platz 1: Midsommar

Ich gebe es zu: Midsommar ist nicht der beste Film des Jahres. Zumindest nach klassischem Verständnis. Allem voran hat er mit seiner Überlänge zu kämpfen. Und auch die kryptische Handlung kann und muss man nicht mögen. Um ehrlich zu sein, hätte ich nach dem Verlassen des Kinos auch nicht gedacht, dass dieser Film überhaupt in meiner Jahresendliste auftauchen würde. Doch je mehr Zeit vergeht, desto mehr zieht es mich zu diesem Film zurück. Desto eher glaube ich, die psychologischen, sozialen und gesellschaftlichen Implikationen dieses Films zu erfassen. Und umso mehr sehne ich mich nach dieser überwältigenden Kameraarbeit zurück. Erst kürzlich habe ich meine Faszination für diesen Film noch einmal zusammengefasst und musste feststellen: Je mehr man sich mit Midsommar beschäftigt, desto mehr interpretatorisches Potential entfaltet dieser Film. Ja, Midsommar ist alles andere als perfekt. Aber er ist der Film, der dieses Jahr den stärksten Eindruck bei mir hinterlassen hat. Und das ist für mich Grund genug, ihn hier mit der Höchstplatzierung zu würdigen.

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„Midsommar“ (c) Weltkino

Das war also mein Kinojahr. Es gibt noch mehr Filme, die eine Erwähnung verdient hätten, im Positiven wie auch im Negativen. Und das wird auch noch geschehen. Ich bitte an dieser Stelle allerdings um ein wenig Geduld und verweise auf die übernächste Folge des FilmBlogCasts, in dem wir 2019 noch einmal ausführlich Revue passieren lassen.

Bis dahin bedanke ich mich aus tiefstem Herzen bei allen, die hier noch immer lesen, liken und kommentieren, was ich alle paar Tage da zusammenschreibe. Und natürlich auch bei jenen, die dieses Jahr neu dazu gestoßen sind. Es geht hier auch 2020 weiter – versprochen!

Header-Bild: © Warner Bros. / Netflix / Netflix

15 Kommentare zu „Das Filmjahr 2019 – (M)ein kleiner Jahresrückblick Hinterlasse einen Kommentar

  1. Schöne Liste… viele Filme dabei, die ich nicht in meine packen würde 🙈 aber so soll es ja sein. Ich glaube, Midsommar hat mich am meisten enttäuscht dieses Jahr. Habe nach Hereditary so viel erwartet… hmmm… irgendwann muss ich mir den einfach noch mal in Ruhe anschauen.

    Genau so wie mit The Irishman… ärgert mich richtig, dass ich den nicht gut fand… 😅

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  2. 4 Übereinstimmungen, einen Film den ich nicht gesehen habe (Lighthouse), einen der bei mir bei den Enttäuschungen gelandet ist und zwei, die mir bei mir die Top 25 gelandet sind.
    Danke, dass du meine Hauptkritikpunkte am Joker aufzählst, um dann zu sagen, sehe ich nicht so. Dann kann ich auch verstehen, dass der weit vorne landet.
    Ganz besonders freue ich mich über deine Liebe für „Midsommar“. Der hat mein Filmjahr auch geprägt. Natürlich auch über Le Mans 66, mein Film des Jahres. Schade, dass der in Deutschland so gefloppt ist. Der hatte eigentlich alles um ein Hit zu werden, außer eine gute PR Kampagne.

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    • Du hast da aber ebenfalls eine sehr schöne Liste zusammen gestellt 🙂
      Muss ich die Anmerkung zum Joker jetzt ironisch verstehen? 😅
      Ich muss noch etwas zugeben: Ich habe die leichte Befürchtung, dass Midsommar noch seinen Spitzenplatz verlieren könnte, wenn ich ihn ein zweites Mal sehe… und trotzdem hab ich unfassbar List drauf. Bin vor allem gespannt auf den Directors Cut.
      Und Le Mans- ja, da hat die PR Abteilung irgendwie gepennt. Der hatte ja gefühlt überhaupt keine Werbung

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      • Ich hatte mich gewundert, warum da noch kein Benni seinen Kommentar dar gelassen hat, bis mir auffiel, dass die irgendwie ausgestellt waren🙄
        Ne, das war schon ernst gemeint. Wenn du die Kritikpunkte nicht teilst, musst du den auch gut finden.
        Als ich meinem Kumpel, der mit mir in der Midsommarsneak war, sagte, dass ich den nochmal sehen will, meinte er „Ich sei ein Sadist“. Die Blu Ray samt Directors Cut wird seinen Weg in meine Sammlung finden.
        Le Mans ist einfach schade, dass der in Deutschland so gefloppt ist. Hätte gedacht, dass der besser funktioniert, „Rush“ war ja doch sehr erfolgreich.

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