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Sturgill Simpson presents Sound & Fury

Junpei Mizusaki, USA 2019 – Derzeit erscheinen ja täglich gefühlt zwei Dutzend neue Filme und Serien auf den beiden großen Streaming-Plattformen Netflix und Amazon Prime Video. Da geht die ein oder andere Perle im Getümmel der Veröffentlichungswelle gern mal unter. Eine solche Perle ist mir nun dank des Tipps eines guten Freundes unter die Fittiche gekommen – wofür ich äußerst dankbar bin, denn so bin ich in den Genuss eines der ungewöhnlichsten Werke des vergangenen Jahres gekommen: Sturgill Simpson presents Sound & Fury.

Hinter diesem skurrilen Titel verbirgt sich etwas, das sich – je nach Blickwinkel – entweder als überlanges Musikvideo im Stile von Pink Floyds The Wall oder als Sammlung animierter Kurzfilme beschreiben lässt, die über eine Laufzeit von 40 Minuten zu einer synästhetischen Erfahrung heranwachsen, welche größer als die Summe ihrer Teile ist.

Sturgill Simpson, der Künstler, der hinter diesem Projekt steht und für die Musik verantwortlich zeichnet, ist, glaubt man einschlägigen Fachseiten, so etwas wie das enfant terrible der Countrymusik-Szene. Ein Ruf, den er durch sein Album Sound & Fury nun nochmals zementierte, entfernt er sich darauf doch sehr weit von tradierten Genre-Konventionen. Statt Banjo und Fiedel gibt es hier harte E-Gitarren-Riffs, dröhnende Synthie-Sounds und allerhand andere digitale Klangkompositionen zu hören, deren exakte Termini mir unbekannt sind. Industrial Rock könnte man das an manchen Stellen nennen, an anderen Psychedelic Rock. Doch selbst einem musikalischen Dulli wie mir fallen in diesem ungewöhnlichen Mix immer wieder Elemente auf, die nach Country klingen – seien es Rhythmus, Melodieverläufe und allem voran die näselnde, grundentspannte Stimme Simpsons, der sich überdies als pointierter Songwriter erweist. Diese Musik ist, in Ermangelung eines besseren Wortes, einfach nur faszinierend.

Sound & Fury weiß also allein auf musikalischer Ebene zu überzeugen. Dann ist da ja aber auch noch die visuelle, bestehend aus einem knappen Dutzend Kurzfilme. Teilweise in Form hochauflösender Computeranimationen, teilweise Realaufnahmen, teilweise im absolut stilsicheren, klassischen Animelook. Die erzählten Geschichten stehen inhaltlich nur lose bis gar nicht miteinander in Verbindung, zeigen jedoch allesamt dystopische Zukunftsvisionen, in denen eine knapp bekleidete Samuraikriegerin Rache übt, eine einsame Skateboard-Fahrerin Relikte der alten Welt sammeln oder Maschinenmenschen ein bizarres Ballett aus anormalen Bewegungen darbieten.

Das Gesamtergebnis sollte nicht auf ihre (kaum vorhandene) inhaltliche Kohärenz bewertet werden. Vielmehr ist es die Absicht von Sound & Fury, einen Stream of Consciusness – einen Bewusstseinsstrom – zu schaffen, der sich Assoziationen, synästhetischer Prinzipien und eines mitreißendes Flow-Gefühls bedient. Und das hat – zumindest bei mir – bestens funktioniert. Tatsächlich sogar besser als beim legendären The Wall, der rund doppelt so lang ist wie Sound & Fury und deshalb weniger vom Prinzip des Flows profitiert.

Egal, ob man ein solch experimentelles, kulturelles Mash-Up nun prinzipiell mag oder nicht (immerhin treffen mit Country und Anime zwei essentielle Stilrichtungen aus West und Ost aufeinander – und das ist in diesem Fall ein match made in heaven), so sollte man Sound & Fury definitiv eine Chance geben.

Bild: © Netflix / Sturgill Simpson

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