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Queen & Slim

Melina Matsoukas, USA 2020 – Jeder kann vermutlich die ein oder andere Geschichte über ein schlechtes erstes Date erzählen. Doch keines dieser Dates dürfte so katastrophal verlaufen sein, wie das von Ernest Hines (Daniel Kaluuya) und Angela Johnson (Jodie Turner-Smith). Eben noch saßen die beiden in einem Schnellrestaurant in Ohio – eines der wenigen in der Gegend, das von einem Schwarzen geleitet wird -, genossen Burger und Salat, unterhielten sich über ihre Jobs. Doch Ernest, der einfache Schuhverkäufer, und Angela, die ambitionierte Rechtsanwältin, wollen einfach nicht zueinander finden.

Auf dem Weg nach Hause werden sie wegen einer Kleinigkeit von einem Polizisten angehalten. Statt eine Verwarnung auszusprechen, drangsaliert dieser die beiden Afro-Amerikaner, durchsucht das Auto nach Drogen und fühlt sich bereits von einer kleinen Frage derart provoziert, dass er die Waffe zückt. Die Situation eskaliert und Ernest erschießt den Gesetzeshüter mehr oder minder in Notwehr.

Dieses „mehr oder minder“ ist entscheidend, legt es doch den Grundstein für die moralische Ambivalenz, die Queen & Slim wie ein roter Faden durchzieht. Die Schuldfrage ist hier ebenso schwer zu beantworten wie die Unschuldsfrage. Die beiden Schwarzen werden auf der Flucht, die der Schießerei folgt, zwar zurecht von der Staatsgewalt verfolgt. Zugleich wünscht man ihnen aber aus tiefstem Herzen, dass sie sich ihr entziehen können. Dank dieser hintergründigen Dualität gelingt es Queen & Slim, ein vielschichtiges und sorgsames Porträt des afro-amerikanischen Lebens in den USA zu zeichnen, speziell unter den Aspekten der polizeilichen Willkür, des Rassismus sowie der Stereotypisierung und Kriminalisierung, die in weiten der Gesellschaft Usus sind.

Daniel Kaluuya und Jodie Turner-Smith in „Queen & Slim“. (c) Universal

Die Flucht der beiden, deren echte Namen der Film bis zum Ende verschweigt, führt über mehrere Stationen. Es sind Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen und keine davon – das ist das herausragende Kunststück dieses Werks – nimmt einen vorhersehbaren Ausgang. Von den meisten Schwarzen werden Queen und Slim bei ihrer Flucht unterstützt, doch einige Weiße sind ebenso dabei. Der medialen Kriminalisierung wird immer wieder ein erzählerischer Riegel vorgeschoben: Als im Radio von der Schießerei berichtet wird, schaltet Angela die Anlage kurzerhand aus, Zeitungs- und Fernsehberichte bleiben Randnotizen. Die Protagonisten werden dadurch nie auf ihre Vergehen reduziert, stehen stets als Individuen mit Wünschen, Träumen und Hoffnungen im Vordergrund. Als Menschen, die sich ihren letzten Funken Selbstbestimmung bewahren wollen. Und wenn Angela zu Beginn über die Todesstrafe sagt: „Der Staat sollte nicht das Recht haben, einem Menschen das Leben zu nehmen“, dann lässt sich diese Aussage zugleich im Hinblick auf das immer wieder rabiate Vorgehen der Polizei lesen.

Der Soundtrack changiert zwischen smoothem Blues, Country, Hip-Hop und Jazz, begleitet diese in ruhige, geradezu sinnliche Bilder gebettete Reise durch den Süden der USA. Es gibt lustige Momente, berührende Momente, Momente der Trauer und der Reflexion, während Queen und Slim allmählich zu unfreiwilligen Ikonen einer neuen Protestbewegung heranwachsen. Der ein oder andere dramaturgische Moment erscheint bisweilen plakativ und die Erzählung verliert nach zwei Drittel spürbar an Tempo (nimmt es zum Schluss allerdings wieder auf). Und doch sieht man den beiden Flüchtigen ununterbrochen gern zu – nicht zuletzt dank der tollen darstellerischen Leistungen und der tiefen Bindung, die sie allmählich zu einander aufbauen.

Melina Matsoukas, die bisher nur Musikvideos inszeniert hat, ist mit ihrem Regie-Debüt Queen & Slim zwar kein perfektes, nichtsdestotrotz aber ein eindrückliches Werk gelungen, das in gleichem Maße von seinen Protagonisten wie von seiner Atmosphäre und seinen starken gesellschaftspolitischen Aussagen getragen wird.

Bilder & Trailer: © Universal Pictures Germany

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