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Der schwarze Diamant

Uncut Gems, Benny & Josh Safdie, USA 2019 – Bisher machte Adam Sandler vor allem als herumblödelnder Clown von sich reden: Infantiler Humor, dümmliche Parodien und fragwürdige Frauenbilder dominierten die Filme des New Yorkers. Der Schwarze Diamant hat nun das Zeug dazu, einen grundlegenden Wandel dieses Images einläuten. Denn Sandler liefert hier nicht nur die Performance seines Lebens, sondern – das lässt sich bereits voraussagen – eine der besten Schauspielleistungen ab, die wir in diesem Jahr zu sehen bekommen werden. Und das, ohne völlig von seiner Linie abzuweichen.

Zunächst sei aber gesagt: Der deutsche Titel dieser Netflix-exklusiven Produktion ist mal wieder ein tiefer Griff ins Klo. Statt um einen Diamanten dreht sich Uncut Gems nämlich um einen schwarzen Opal aus einer afrikanischen Mine. Den bringt der schmierige Schmuckhändler Howard Ratner (Sandler) nach einer 17-monatigen Odyssee in seinen Besitz, um ihn bei einer Auktion anzubieten, von der er sich einen Millionengewinn erhofft. Zugleich sitzen Howard zwei aggressive Schuldeneintreiber im Nacken, weil er bei einem entfernten Verwandten mit 100.000 Dollar in der Kreide steht. Doch anstatt diese Schulden zu begleichen, nutzt Howard lieber jeden verfügbaren Dollar für Sportwetten.

So auch, als er in seinem kleinen, schummrigen Laden Besuch vom Basketballer Kevin Garnett (als sich selbst) bekommt, der dem Opal sofort verfällt und ihm magische Kräfte bescheinigt. Garnett will sich den Stein aber wenigstens für eine Nacht ausleihen und hinterlässt als Pfand seinen Meisterschaftsring, den Howard sofort zum nächsten Pawn-Shop schleppt, um die erworbenen 25.000 Dollar auf Garnett und dessen nächstes Spiel zu setzen. Am nächsten Tag deutet sich jedoch an, dass der Sportler den Stein nicht zurückgeben will…

Uncut Gems/Der schwarze Diamant © Netflix/A24

Uncut Gems ist – das lässt sich nicht verleugnen – ein sehr anstrengender Film. Über mehr als zwei Stunden hinweg schildert er eine Woche im Leben des Howard Ratner und gewährt dem Zuschauer nur in seltenen Momenten eine kurze Verschnaufpause. Ein Großteil seiner Laufzeit besteht stattdessen aus chaotischen Dialogen und Telefonaten, in denen sämtliche Beteiligten wild durch- und aufeinander einreden oder -schreien. Die Kameraarbeit ist ebenso hektisch wie das Geschehen, das sie porträtiert, changiert zwischen Close-Ups und Halbtotalen – und fängt damit perfekt den Alltag des rastlosen Protagonisten ein, der stets auf der Jagd nach dem nächsten großen Coup und dabei um keine Lüge verlegen ist. Ratner manipuliert Menschen, windet sich mit Versprechungen und Leihgaben (unter denen sich auch die ein oder andere gefälschte Rolex befindet) aus schwierigen Situationen heraus. Und reitet sich damit immer weiter in die Bredouille. Es schmerzt fast, ihm dabei zuzusehen.

Trotzdem bleibt man mit großer Freude dabei, denn Sandlers Schauspiel ist schlicht der Wahnsinn. Seine dezent verrückte Art, sein verschlagenes und doch authentisches Auftreten, seine Hektik und Chuzpe, mit der er seinen Ratner (fast) jede Situation meistern lässt – all das ist Sandler pur und doch so viel mehr, wirkt zu keiner Sekunde aufgesetzt und wird durch die Regie-Brüder Josh und Benny Safdie stets in die rechten Bahnen gelenkt. Dass es dafür nicht einmal eine Oscar-Nominierung gab, ist schlicht eine Schande.

Was den Safdies ebenfalls gelingt, ist zum einen eine unheimlich prägnante Bildsprache, in der eine entsättigte, kühle Farbpalette die Hintergründe dominiert, während einzelne Objekte und Personen durch kräftige Primärfarben hervorgehoben und dabei durch eine pointierte Ausleuchtung unterstützt werden (nicht zu vergessen der sphärische Synthie-Soundtrack, der das Geschehen untermalt). Zum anderen ist es die geradezu unheimliche Präzision, mit der die Brüder die Mechanismen des (Finanz-)Kapitalismus sezieren, ohne die menschliche Komponente aufzugeben oder, wie etwa The Big Short, ins Satirische zu verfallen. Ratner ist absoluter Materialist, ein Proll aus der gehobenen Mittel- bis unteren Oberschicht, der mittels zwielichtiger Geschäfte und Praktiken sowie durch das Zurschaustellen von Wohlstandssymbolen – Ringen, goldenen Brillen, Gucci-Hemden – versucht, den Schein zu wahren und etwas Größeres zu sein, als er eigentlich ist. Vor allem legt der Film jedoch offen, wie sehr diese Art des Wirtschaftens von der Aussicht einer zukünftigen Rendite lebt: Schulden, Wetten, Versprechen – all das hat keinen physischen Gegenwert. Die reine Möglichkeit auf Gewinne hält das System am Laufen, kurbelt das Rad weiter und weiter und weiter an. Bis es irgendwann an der Realität zerschellt

Noch einmal: Uncut Gems ist ein sehr, sehr anstrengender Film. Weder sollte man einen typischen Sandler-Streifen noch einen klassischen, auf Unterhaltung getrimmten Heist- oder Krimiplot erwarten. Aber verdammt nochmal: Es lohnt sich.

Bilder & Trailer: © Netflix/A24

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