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Tesla (2020)

Michael Almereyda, USA 2020 – Vor 140 Jahren lieferten sich Thomas Alva Edison auf der einen und George Westinghouse sowie Nikola Tesla auf der anderen Seite den sogenannten Stromkrieg. Es ging um nichts weniger als die Zukunft: Während Edison den Gleichstrom verteidigte, setzte sich Tesla für den zwar gefährlicheren, aber effizienteren Wechselstrom ein. Die Geschichte kürte Letzteren zum Sieger dieses Krieges – doch zum großen Verlierer in der öffentlichen Wahrnehmung. Der Name Tesla wird heute am ehesten mit dem Autohersteller assoziiert, an zweiter Stelle folgen wohl die gleichnamigen Panzer aus dem Videospiel Command & Conquer.

Nun wird der Stromkrieg im Kino nachgeholt: Fast zeitgleich sind dieser Wochen filmische Biopics über T.A. Edison und Nikola Tesla erschienen. Und zumindest auf kommerzieller Seite hat (auch diesmal) Edison mit Benedict Cumberbatch obsiegt. In kreativer Hinsicht hingegen sticht Tesla seinen (dem Vernehmen nach) arg konventionell geratenen Konkurrenten aus. Aus genau diesem Grund wird der Film wohl aber auch keinen neuen Popularitätsschub für den Mann bewirken, der das 20. Jahrhundert erfand. Denn dafür ist Tesla schlicht zu massenuntauglich.

Das liegt einerseits an der historischen Vorlage: Ein derart introvertierter Protagonist wie Nikola Tesla, der stets gedankenverloren wirkt, im Geiste schon an der nächsten Erfindung werkelt, keinerlei Humor hat, selbst den heftigsten Rückschlag ohne eine größere emotionale Reaktion bewältigt und keinen rechten Zugang zu anderen Menschen findet, mit dem wird man als Zuschauer (wenn überhaupt) nur langsam warm. Ethan Hawke hat deshalb auch spürbar Probleme, seiner Figur irgendeine Form von Charisma zu verleihen. Er gibt sich Mühe, das sieht man, und wenn man genau hinblickt, kann man im Gesicht und in den Regungen des filmischen Teslas gerade durch diese Zurückhaltung viel in den Charakter hineinlesen. Eine Figur, die einem nachhaltig im Gedächtnis bleibt, ist dieser Nikola Tesla jedoch nicht.

Andererseits liegt es aber auch an der Inszenierung. Die will bewusst (oder verkrampft?) unkonventionell sein und auf diese Weise auch das Mindset des Protagonisten einfangen. Denn, wie der Film am Ende erläutert, Tesla war ein Mensch, der in seinem Kopf bereits in der Zukunft lebte. Folglich tauchen gelegentlich technische Errungenschaften der Gegenwart – Staubsauger, Smartphones, Laptop – als kurze, anachronistische Erscheinungen im Hinter- oder Vordergrund auf sowie das ein oder andere moderne Musikstück.

Bis jedoch ganz zum Schluss erklärt wird, was es damit auf sich hat, wirken diese Elemente arg selbstzweckhaft – und zugleich zu beiläufig, um für einen echten Aha- oder Wow-Effekt zu sorgen. Selbiges gilt für die Brüche mit der vierten Wand, bei denen das Publikum von Anna Morgan (Eve Hewson) – einer der relevanteren Bekanntschaften im Leben Teslas, die zugleich als konstante Off-Erzählerin fungiert – etwa darauf hingewiesen wird, dass die eben gezeigte Szene, in der Tesla und Edison (Kyle MacLachlan) Frieden schließen, so nie geschehen ist. Die wichtigste Funktion dieser Stimme aus dem Off ist es, neue Personen im Stile einer Wikipedia-Artikeleinleitung im Schnelldurchlauf vorzustellen – Passagen, die mit ihrer Dynamik im starken Kontrast zum Rest des Films steht.

Der ist nämlich über die meiste Zeit hinweg sehr langsam, nüchtern und distanziert erzählt. Was zwar ebenfalls zu seiner verschlossenen Hauptfigur passt, den Zugang zum Thema und den Personen aber nicht gerade leicht macht. Ähnliches lässt sich über solch inszenatorische Kniffe sagen wie die Idee, statt echter Landschaftsaufnahmen ausschließlich Panoramagemälde oder auf eine Leinwand projizierte Videos als Hintergründe für Außenszenen zu verwenden: Nette Idee, passt auf seine Weise zum in sich gekehrten Protagonisten – ist aber auch gewöhnungsbedürftig. Zumal das Ganze zwar bewusst artifiziell wirkt, aber nicht genug, um wie eine ikonische stilistische Entscheidung zu wirken. Und es macht das Seherlebnis von Tesla insbesondere in der ersten Hälfte zu einer Erfahrung der gemischten Gefühle. In der zweiten Hälfte fängt sich der Film allmählich, wird ebenso wie seine Figur etwas greifbarer und verständlicher. Gerade rechtzeitig, um Tesla noch zu einem zumindest interessanten Werk zu machen – aber eben auch zu keinem sonderlich guten.

Bild & Trailer: © Leonine

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