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Tenet (2020)

Christopher Nolan, USA/UK 2020 – Tenet. Was haben wir alle (oder zumindest die meisten von uns) auf diesen Film gewartet. Zum Erlöser der Corona-gebeutelten Kinos wurde Christopher Nolans elfter Spielfilm bereits Wochen vor seinem mehrfach verschobenen Start hochstilisiert: Während die meisten Verleiher ihre Großprojekte immer und immer weiter nach hinten drücken, versprach Tenet endlich wieder großes Blockbuster-Feeling. Finanziell scheint das – vor allem in Hinblick auf die Umstände – halbwegs aufzugehen, Stand jetzt hat Tenet bei einem Budget von 230 Millionen Dollar schon mal die 200er-Marke gekackt und wird wohl auch noch eine ganze Weile in den Sälen laufen. Das ist gut und richtig. Denn was bereits nach der ersten Sichtung klar war, hat sich nach meiner zweiten nochmals manifestiert: Tenet ist ein Film für die große Leinwand. Tenet ist Kino.

Nun gibt es viele Arten von Kino, zurzeit sind es vor allem kleinere Arthouse-Produktionen, die die Filmlandschaft dominieren. Tenet hingegen ist ein audiovisuelles Spektakel im klassischsten Sinne – erzählerisch jedoch alles andere als konventionell geraten. Nolan, der rund neun Jahre an dem detailverliebten Script werkelte, serviert eine gewohnt komplexe (oder komplizierte?) Story rund um sein Lieblingsthema Zeit, das er hierin auf die Spitze treibt. Im Zentrum steht der von John David Washington verkörperte namenlose „Protagonist“, ein CIA-Agent, der nach einem missglückten Einsatz in der Oper von Kiew in Kontakt mit der geheimnisumwobenen Organisation Tenet kommt.

Im Alleingang soll er den Ursprung einer ungewöhnlichen Art von Munition aufspüren, deren Zustand eine Forscherin (Clémence Poésy) mit dem Wort „invertiert“ beschreibt. Heißt in der Praxis: Die Kugeln bewegen sich in unserer Wahrnehmung in der Zeit rückwärts, ihre komplette Entropie verläuft umgekehrt. So wie bei diversen weiteren Gegenständen und später auch Menschen, denen der Protagonist im Laufe seiner Arbeit begegnet.

Elizabeth Debicki und Kenneth Branagh in „Tenet“ © Warner Bros.

Tenet erinnert sowohl mit seiner Thematik als auch mit seiner Heist-Story in doppelter Hinsicht an Inception – und teilt sich mit ihm zugleich eine große Schwäche: die ausladenden Erklärungen. Die schlagen sich hier gleich in zweifacher Hinsicht nieder, müssen doch sowohl das Inversions-Phänomen als auch die allgemeine Storyentwicklung mit ihrem komplexen Figurenarsenal und den Heist-Vorbereitungen erläutert werden. Das Ergebnis ist eine ewige Abfolge gehetzter Dialoge, in denen man schnell den Überblick über das Wesentliche verlieren kann. Im offensichtlichen Widerspruch dazu steht jedoch die Aussage der erwähnten Forscherin, die man direkte Ansprache ans Publikum verstehen muss: „Versuchen Sie nicht, es zu verstehen. Versuchen sie nur, es zu fühlen.“

Gegenüber Inception gelingen Tenet jedoch zwei Aspekte besser: Zum einen steht der ausladenden, sterilen Exposition kein derart vordergründiger emotionaler Handlungsstrang zur Seite, wie dies noch bei der Geschichte von Cobb und Mal der Fall war – in die vergleichsweise straighte, James-Bond-eske Story von Tenet fügt sich diese Art zu erzählen besser ein. Zum anderen weiß er seine Schauwerte besser, effektiver zu dosieren. So verwendet Tenet fast eineinhalb seiner zweieinhalb Stunden für den Aufbau von Spannung und Mysterium (unterbrochen von zwei, drei nichtsdestotrotz beeindruckenden Szenen), um schließlich in der finalen Stunde ein Mindfuck-Effekt-Feuerwerk sondergleichen abzufeuern, das von einem Wow-Moment zu nächsten eilt und das Vermögen zum abstrakten Denken auf eine ordentliche Probe stellt.

Nolan leistet sich, wie üblich, kleinere Schnitzer – vergleichsweise auffällige Anschlussfehler, unübersichtlich oder ungünstig inszenierte Momente, oder inhaltliche Aspekte, die dem Film-eigenen Regelwerk auf den ersten Blick scheinbar zuwiderlaufen. Auch die Figurenzeichnung fällt nicht optimal aus: Washington zeigt zwar, wie sehr er physisch und charismatisch zu beeindrucken weiß, ist aber ein (bewusst) weißes Blatt. Robert Pattinson stellt als sein heist buddy das schauspielerische Highlight des Films. Auf der Gegenseite stehen jedoch ein völlig überzeichneter, klischierter Antagonist (Kenneth Branagh) und ein Love-Interest (Elizabeth Debicki), das als emotionaler Anker herhalten muss, dessen Potential aber nicht ausgeschöpft wird. Besonders bedauerlich ist, dass der cleverste Einfall des Drehbuchs – der Grund, weshalb Gefahr aus der Zukunft droht – in einem Halbsatz weggewischt wird. Hätte diese Idee mehr Präsenz bekommen, hätte Nolan seiner Geschichte deutlich mehr Dringlichkeit verleihen können. So bleibt es „nur“ bei einem metaphorischen Bekenntnis dazu, dass Vergangenes geschehen ist und nicht wieder rückgängig gemacht werden kann, dass die Menschheit also die Konsequenzen ihres Handelns unabwendbar zu spüren bekommen wird. Dass uns allerdings in der anderen Richtung, der Zukunft, noch vieles offensteht, um schlimmeres zu verhindern.

So oder so: Tenet ist ein Film, der nach der großen Leinwand schreit; ein mindestens mittelgroßes Highlight des Filmjahres, das nicht perfekt ist und an dem man sich an etlichen Stellen abarbeiten kann. Das aber vor allem eines ist: eine Erfahrung. Nicht nur, um den Studios zu zeigen, dass große Filme noch im Kino Erfolg haben können, sollte man ihn genau dort sehen. Sondern schlicht deshalb, weil er genau dort hingehört. Punkt.

Lust auf einen Spoiler-Talk? In der 40. Ausgabe der Kinotagesstätte gibt’s unsere Meinung.

Bilder & Trailer: © Warner Bros.

2 Kommentare zu „Tenet (2020) Hinterlasse einen Kommentar

  1. Es war schön mal wieder einen bildgewaltigen Actionfilm in den Kinos zu sehen. Einige Plotelemente konnte ich zwar nicht wirklich nachvollziehen und eventuell werden sie bei einer Zweitsichtung ebenso wenig Sinn ergeben. Doch dank der einfachen Grundhandlung konnte ich die überfrachtete Prämisse des Films gut ausblenden und mich vollkommen auf das temporeiche Actionfest fokussieren.

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