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Niemals Selten Manchmal Immer (2020)

Never Rarely Sometimes Always, Eliza Hittman, USA 2020 – Eine Talentshow in der High School bildet den Auftakt, die Acts wechseln in schneller Schnittfolge durch: Eine fröhlich tanzende Truppe, ein Elvis-Imitator, eine lustige A-cappella-Nummer sorgen für Stimmung. Dann steht plötzlich Autumn (Sidney Flanigan) auf der Bühne, in unsicherer Haltung, verschüchtert. Die 17-Jährige entlockt ihrer Gitarre ein paar zarte Dur-Akkorde, singt von der erdrückenden Macht der Liebe eines anderen, die sie gefangen hält. Es ist, trotz des gleichen Titels, nicht die beschwingte „Power of Love“, die Huey Lewis & The News in Zurück in die Zukunft besungen – hier ist es stattdessen eine zerstörerische, toxische Kraft, die der Sängerin spürbar Schmerzen bereitet. Ein Schrei zerreißt die Stimmung: „Schlampe!“, brüllt einer dieser Football-Prolls aus der hintersten Reihe.

In dieser ersten, so wunderbar pointierten Szene werden sowohl der grundlegende Konflikt als auch die Stimmung von Niemals Selten Manchmal Immer perfekt umrissen. Weshalb Autumn als mutmaßliche „Schlampe“ an ihrer Schule verschrien ist, diese Antwort bleibt der Film zwar schuldig – es spielt aber auch keine Rolle. Vielmehr interessiert sich der Film einfach nicht dafür. Aus gutem Grund. Von Interesse sind hingegen die Folgen dessen: Autumn stellt wenige Tage später fest, dass sie schwanger ist, ungewollt, ungeplant, unerwünscht. In ihrem kleinen Ort in Pennsylvania und dem Haushalt ihrer dysfunktionalen White-Trash-Familie hätte sie damit wohl keinen guten Stand – doch auch das wird im Film nicht explizit artikuliert. Stattdessen interessiert sich Autorin und Regisseurin Eliza Hittman nur für das, was Autumn selbst empfindet: Sie sei noch nicht bereit, Mutter zu werden, erzählt sie ihrer Ärztin. Und will deshalb abtreiben.

Sidney Flanigan (I.) und Talia Ryder in „Niemals Selten Manchmal Immer“ © Universal

Die Medizinerin reagiert darauf, indem sie Autumn ein gut 50 Jahre altes Video zeigt, in welchem gegen Abtreibung gewettert wird, mit furchtbaren Bildern und drastischen Worten. Das Gesetz legt der 17-Jährigen ebenfalls Steine in den Weg: In Pennsylvania dürfen Minderjährige nur mit Genehmigung ihrer Eltern abtreiben. Ausgeschlossen, dass Autumn das erlaubt würde. Nur einem Menschen erzählt sie von ihrer Schwangerschaft: ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder). Zusammen brechen beide auf nach New York City, wo Autumn ihr Vorhaben in die Tat umsetzen will.

Was nach einem schwer(fällig)en Melodram klingt, ist im Ergebnis eine feinfühlige, ruhige und doch unfassbar intensiv erzählte Coming-of-Age-Geschichte über (sexuelle) Selbstbestimmung und die Bigotterie des Frauenbildes, von dem die USA geprägt sind: Fromm und zurückhaltend sollen sie sein, und zugleich dem Mann gefügig. Immer wieder werden Autumn und ihre Cousine Ziele von Übergriffen, körperlichen, verbalen, symbolischen. Mal perfide, etwa in dem Supermarkt, in dem sie nebenher jobben und deren Chef ihnen bei der Geldübergabe stets einen Kuss auf die Hand aufzwängt. Mal offenkundig pervers wie in der sonst leeren New Yorker U-Bahn, in der sich ein Fahrgast beim Anblick der beiden Mädchen für beide sichtbar in die Hose fasst. Von der Gesellschaft zum sexualisierten Objekt degradiert, wollen sich beide – allem voran Autumn – die Selbstbestimmung über ihren Körper zurückholen.

Niemals Selten Manchmal Immer setzt statt auf Worte ganz auf das Gesicht ihrer Protagonistin, das oft leer wirkt und doch so viel zu sagen hat. Ein sehnsüchtiger Blick aus dem Fenster des Busses, ein scheues Abwenden vom Ultraschallbild beim Arzt, ein unsicheres Zögern in der New Yorker Abtreibungsklinik: Hauptdarstellerin Sydney Flanigan spielt ihre Figur derart menschlich, authentisch und geradezu Empathie-erzwingend, dass man förmlich an ihrer Mimik klebt und überhaupt nicht fassen kann, dass das hier tatsächlich ihre allererste Filmrolle ist. Wenn sie am Ende des zweiten Drittels zum großen emotionalen Paukenschlag ausholt, muss man innerlich schon absolut tot sein, um nicht zumindest einen Anflug von Nässe in den Augenwinkeln zu verspüren.

Trotz der Schwere und Ernsthaftigkeit seiner Themen kippt Niemals Selten Manchmal Immer aber zu keiner Zeit in gefühlsduselige Klischee-Reiterei ab. Und vor allem vermeidet es Eliza Hittman, ihre Hauptfigur zum untätigen, hilflosen Opfer zu stilisieren: Niemals verlässt der Film Autumns Perspektive zugunsten eines etwaigen Täters, ganz im Fokus steht stattdessen die Heranwachsende und ihre Emanzipation von ihrem konservativ-repressiven Umfeld. Die genauen Hintergründe ihrer Schwangerschaft lässt der Film bewusst im Unklaren – und erreicht so eine deutlich universellere Note als vergleichbare Coming-of-Age-Geschichten, die die Psyche ihrer Figuren bis in den letzten Winkel ausloten und artikulieren wollen. Das Ergebnis ist eine Genre-Perle, die ihresgleichen sucht.

Bild & Trailer: © Universal

4 Kommentare zu „Niemals Selten Manchmal Immer (2020) Hinterlasse einen Kommentar

  1. „The Power of Love“ von Frankie Goes To Hollywood ist die alljährlich zu Weihnachten ausgegrabene Ode an die Kraft der Liebe. Der gleichnamige Filmsong aus Zurück in die Zukunft, den du meinst, ist von Huey Lewis & The News😉

    Zum Film, seltsamerweise habe ich die Hauptfigur komplett anders wahrgenommen, weswegen viele nicht mit ihr werden connecten können. Sonst finde ich den leider nicht so überragend bis auf einzelne Szenen (wie die Szene mit dem Video oder wo sich in den Bauch boxt).

    Gefällt 1 Person

    • Puh, danke für den Hinweis. Ich sollte als musikalischer Noob solche Verweise lassen oder noch 3 mal gegenchecken.

      Wie hast du sie denn wahrgenommen? Bzw wann kommt deine Rezension, damit ich mir deine Eindrücke anlesen kann?

      Gefällt 1 Person

      • Gerade bei „The Power of Love“ passiert das gerne Mal, neben „It’s My Life“ der wohl am häufigsten genutzte Songtitel^^
        Wobei für Marius nächste Diktatorfolge dann wohl ein wenig Recherche notwendig sein wird.

        Ich empfand als sie als sehr ruhig fast schon abwesend, sehr schwierig zu greifen. Daher glaube ich, dass einige Zuschauer mit der Filmfigur Probleme haben werden (ich hatte sie jedoch nicht).
        Eigentlich sollte die Rezension gestern kommen, aber mit dem, was ich bisher so geschrieben habe, bin ich nicht zufrieden, hoffe, dass ich sie morgen veröffentlichen kann.

        Gefällt 1 Person

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