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DOK Leipzig 2020: Eine Handvoll Empfehlungen

Gerade rechtzeitig vor dem zweiten Lockdown (Light) ist das Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig 2020 zu Ende gegangen. Unter den gegebenen Umständen war die experimentelle Durchführung in hybrider Form – Kinovorführungen plus Streaming – ein Drahtseilakt. Aber auch genau die richtige Entscheidung.

Denn so wurde einerseits der Festivalcharakter halbwegs aufrechterhalten, andererseits konnte in diesem Jahr auch alle, die nicht nach Leipzig reisen, sich durch das Programm wühlen. Auch jetzt noch: Sämtliche Filme sind zwei Wochen lang nach ihrer Premiere online verfügbar, mindestens also noch bis zum 9., spätestens bis zum 15. November. Für die digitale Leihe fallen fünf Euro je Film an, wer sich das komplette Programm geben möchte, kann 50 Euro für einen Festivalpass berappen. Hier eine kleine Auswahl sehenswerter Filme – und eines weniger sehenswerten.

A New Shift (Nová šichta, Jindřich Andrš, CZW 2020)

Der Gewinner des Publikumspreises „Der Goldene Schnitt“ porträtiert einen 44 Jahre alten Tschechen, der die Hälfte seines Lebens in einem Kohlebergwerk gearbeitet hat und nach dessen Schließung einen IT-Kurs belegt, um Programmierer zu werden. Die Versprechungen auf den Einstieg in eine neue Branche erfüllen sich jedoch nicht – es folgt ein konstantes Auf und Ab der Chancen und Emotionen, das diesem Dokumentarfilm eine erstaunlich runde Dramaturgie verleiht. Distanzierte und dennoch intime Bilder prägen diesen Film, der Menschen in einer ähnlichen Situation durchaus Kraft und Hoffnung geben kann.

Zur vollständigen Kritik auf Kino-Zeit.

Eine einsame Stadt (Nicola Graef, DEU 2020)

Nicola Graef interviewt ein gutes Dutzend Menschen, die in Berlin ein Leben in Einsamkeit fristen. Der diverse Cast, dessen Mitglieder alle unterschiedliche Hintergründe und Lebensumstände mitbringen, überzeugt. Auch die Bildsprache ist adäquat. Dem Talking-Heads-Ansatz geht jedoch nach der Hälfte der Laufzeit die Luft aus, die pure Subjektivität des Films steht einem größeren Erkenntnisgewinn (etwa über systematische Faktoren, die diese Vereinsamung der Gesellschaft begünstigen) entgegen.

Zur vollständigen Kritik auf Kino-Zeit.

Lift like a Girl (Ash ya Captain, Mayye Zayed, DEN/EGY/DEU 2020)

Verrückte Sachen gibt’s: Da trainieren mitten im ägyptischen Alexandria jugendliche Mädchen Gewichtheben auf einem eingezäunten Areal auf der Straße, treten bei Wettkämpfen an und stemmen dabei bis zu 80 Kilo. Im Fokus steht die anfangs 14-jährige Zebiba, die über einen Zeitraum von vier Jahren begleitet wird. Der wahre Star des Films ist jedoch der gealterte Trainer, der mit voller Energie bei der Sache ist und jedes Versagen seiner Schützlinge mit harter Wortwahl kommentiert, im Falle eines Erfolges aber auch genauso euphorisch auftreten kann. Etwas zu lang und monothematisch, aber sehr sehenswert.

Children (Yeladim, Ada Ushpiz, ISR 2020)

Im Westjordanland werden zunehmend Kinder und Jugendliche in die politischen und territorialen Konflikte zwischen Isrealis und Palästinensern eingespannt. Sie werden von beiden Seiten zu Propagandazwecke missbraucht und damit ihrer Menschlichkeit beraubt, was natürlich auch enorme psychische Folgen hat. Ada Ushpiz porträtiert eine Handvoll Minderjähriger und zeigt dabei vor allem eines: Dass sie trotz all dessen noch Kinder sind. Wahnsinnig stark.

Zur vollständigen Kritik auf Kino-Zeit.

Wir wollten alle Fiesen killen (Bettina Ellerkamp & Jörg Heitmann, DEU 2020)

Der Titel gibt es schon vor: Hierbei handelt es sich wohl um den kuriosesten Film im diesjährigen DOK-Programm. Zwei (ehemalige) deutsche Filmemacher wollten Anfang des Jahrtausends eigentlich einen Science-Fiction-Film drehen, scheiterten aber an der Filmförderung. Mit dem Angesparten kauften sie stattdessen einen Berg: den Trompeterfelsen in Thüringen, unter dem ein Tunnelnetzwerk von fünf Kilometern Länge schlummert. Der Film beleuchtet einerseits die wechselhafte Historie dieses Tunnelnetzes seit dem Zweiten Weltkrieg, andererseits die verzweifelten Versuche der Filmemacher, einen Käufer für den Berg zu finden. Skurril und faszinierend.

Zur vollständigen Kritik auf Kino-Zeit.

Girls/Museum (Shelly Silver, DEU 2020)

Konzeptfilm mit einer ebenso simplen wie vielversprechenden Prämisse: Junge Frauen zwischen sieben und 19 Jahren wandern durch das Leipziger Museum der bildenden Künste und dürfen ihre Eindrücke und Interpretationen zu den dort ausgestellten Werken in die Kamera sprechen. Fragmentarisch und sehr ruhig erzählt fühlt sich der Film trotz 74 Minuten Laufzeit zu lang an. Dennoch: Die Offen- und Unverblümtheit, mit der die Protagonistinnen sich hier vor der Kamera äußern, fördert so einige interessante Wahrheiten und Einsichten zutage und legen eine Perspektive offen, die sonst gerne mal untergeht: Wie empfinden junge Frauen die Darstellung von Weiblichkeit in der Kunst?

Beitragsbild: © DOK Leipzig

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