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His House (2020)

Remi Weekes, GBR 2020 – Elevated Horror lautet das (PR-)Schlagwort, wenn es um filmischen Grusel geht, der mehr will, als nur zu erschrecken – nämlich (auch) psychologische und/oder gesellschaftliche Probleme aufzugreifen und sie in klassische Horrormetaphern zu übersetzen. Get Out ist so ein Beispiel, Der Babadook ein weiteres. In diese Kerbe schlägt auch ein neuer Netflix-Film namens His House, der sich des Themas Migration annimmt: Es geht um Bol (Sope Dirisu) und Rial (Wunmi Mosaku), ein Paar aus einem nicht näher benannten afrikanischen Land, das nach England geflohen ist und dort ein neues zu Hause finden will.

Tatsächlich werden die beiden aus der Erstaufnahmeeinrichtung entlassen und bekommen eine marode, verdreckte Reihenhauswohnung gestellt, bis über ihren Asylantrag entschieden ist. Die anfängliche Freude darüber weilt aber nur kurz: Zum einen sehen sich die beiden immer wieder mit fremdenfeindlichen Äußerungen ihres neues Umfelds konfrontiert, zum anderen scheint eine dunkle Macht in den Wänden des Hauses zu lauern. Die Spannung zwischen Bol und Rial nimmt sukzessive zu: Sie möchte schon bald wieder zurück, er hingegen will unter allen Umständen in England bleiben. Es dauert nicht lange, bis Bols Verhalten manische Züge annimmt.

Immer wieder wird beiden vorgehalten, sie müssten sich anpassen – doch Integration ist eben keine Einbahnstraße. Und wird umso schwerer, je toxischer die Einheimischen sind, je mehr sie den Geflohenen das Gefühl geben, hier nicht erwünscht zu sein. His House wählt an dieser Stelle den aus meiner Sicht leider weniger mutigen Ansatz, um das Thema Migration ins Horrorgenre einzubinden. Denn anstatt diesen Horror auf eben jenem Fundament – dem Gefühl, nicht willkommen zu sein, den Anfeindung, den bürokratischen Hürden – zu errichten, stützt er sich auf einem Trauma, das Bol und Rial seit ihrer Flucht mit sich tragen: dem Tod ihrer Tochter. In deren Geist manifestiert sich die Schuld, die sich vor allem Bol nicht eingestehen will.

Nun gut, auch wenn das nicht der Ansatz ist, den ich gewählt hätte, so ist er doch legitim. Schließlich erschweren traumatische Gewalt- und Verlusterfahrung, die Menschen zur Flucht bewegen, Integrationsprozesse ebenso, belasten sie die Geflohenen doch über Jahre hinweg. Und zumindest in dieser Hinsicht ist His House konsequent, setzt für meinen Geschmack beim Horrors allerdings zu sehr auf jumpscarige „Irgendwas steht plötzlich vor/hinter der Figur“-Momente. Weshalb man sich zwar erschrickt, aber nur sehr selten wirklicher Grusel, wirkliches Unbehagen, wirkliche existenzielle Angst aufkommen will, so wie ihn die Protagonisten verspüren (sollen). Das kann die durchweg solide Inszenierung nur bedingt kaschieren.

Dennoch: His House ist kompetent gemachter und gut gespielter Grusel, der sich insbesondere im letzten Akt nochmal berappelt und vor allem in der dünn gesäten Horror-Landschaft des Jahres 2020 positiv heraussticht. Zum absoluten Jahres-Highlight reicht es allerdings nicht – dafür ist der Film trotz seiner innovativen Handlungsprämisse letztlich zu konventionell.

Bild & Trailer: © Netflix

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