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Wolfwalkers (2020)

Tomm Moore & Ross Stewart, LUX/IRL/USA 2020 – In einem unserer letzten Podcasts bezeichnete ich den wunderbaren Animationsfilm Die Melodie des Meeres noch als „irischen Studio-Ghibli-Film“: Die Geschichte um ein kleines Mädchen, das auf mystische Weise mit dem Meer in Verbindung zu stehen scheint, wies nicht nur ein ähnliches Figurendesign auf, sie konnte auch mit ihrer weiblichen Protagonistin und ihren grundlegenden Themen – Familie, das Verhältnis Mensch-Natur, eine von Fabelwesen bevölkerte Welt – inhaltlich an die Werke der japanischen Animeschmiede anknüpfen. Wo Die Melodie des Meeres eine Abwandlung von Ponyo war, ist Wolfwalkers nun eine von Prinzessin Mononoke. Und, so viel vorab, den Vergleich mit diesem Meisterwerk muss der neue Film von Tomm Moore und Ross Stewart überhaupt nicht scheuen.

Irland im Mittelalter: In Kilkenny lebt die junge Engländerin Robyn nach dem Tod ihrer Mutter in einer kleinen Hütte zusammen mit ihrem Vater, der beim despotischen Lord Protector Cromwell als Jäger im Dienste steht und für ihn die Wölfe aus dem angrenzenden Wald vertreiben soll, da die die Ausweitung des Ackerbaus behindern. Robyns Vater ist ihr großes Idol, wie er will auch sie Wölfe jagen. Ihre Überzeugungen drehen sich jedoch um 180 Grad, als sie Wald auf die Wolfwandlerin Mebh trifft, ein Mädchen im ähnlichen Alter, die immer dann, wenn sie schläft, in Wolfsgestalt erwacht, und die die Kontrolle über das Wolfsrudel hat. Als Robyn von ihr gebissen wird, durchströmt eine magische Kraft ihren Körper – und auch sie erwacht eines Nachts als Wolf.

Wolfwalkers erzählt eine durch und durch klassische Geschichte: Menschen, die der der Natur Herr werden wollen – und die sich dagegen wiederum zur Wehr setzt. Religiöse Verblendung, Hybris, Gottesfurcht, existenzielle Ängste und, auf der Gegenseite, Freiheit, Selbstverwirklichung, Träume: All das spielt hier mit rein, ist kindgerecht und, ohne Frage, wenig subtil aufbereitet. Während es in jeder einzelnen Minute Spaß macht, Robyn und Mebh bei allem, was sie tun, zuzusehen, ihre Entwicklung von eigensinnigen, naiven Kindern hin zu verantwortungsvollen, empathischen Wesen mitzuerleben, und der Antagonist seine Zwecke formidabel erfüllt, ist ausgerechnet Robyns Vater der größte Kritikpunkt dieses Films: zu verbohrt, zu stur, zu passiv, zu statisch ist seine Einstellung. Der Ausbruch aus dem gesellschaftlichen und falschen moralischen Korsett kommt erst in den finalen Minuten – etwas zu spät.

Sagte ich „größter Kritikpunkt“? Ich meinte natürlich: einziger Kritikpunkt. Denn abseits davon gibt es nichts, was ich an Wolfwalkers zu mokieren hätte. Im Gegenteil kann ich sogar alles andere nur in höchsten Tönen loben, allem voran die Optik. Die ist schlicht überragend. Vor einigen Jahren behauptete ich noch, Your Name sei der schönste Film, den es gebe. Nun muss ich präzisieren: Your Name ist der schönste Film, der einen realistischen Stil anstrebt. Wolfwalkers ist der schönste Film, der einen kreativen, abstrakteren Stil nutzt.

Was hier an Details und Farbenpracht, an Linienführung und Animationskunst zu sehen ist, sucht seinesgleichen. Und: Es wird wunderbar spielerisch damit umgegangen. So sind etwa die Wälder von einer schwungvollen, weichen, harmonischen Optik und unsauberen Linienführung geprägt, während in der Stadt unnatürliche, geradlinige Formen und kalte Farben dominieren. Es gibt Splitscreens, in emotional dramatischen Momenten verengen sich Bildrahmen und -ausschnitt – und so gelingt es Wolfwalkers tatsächlich, im so viel bespielten Animationsgenre ganz neue visuelle Impulse zu setzen. Wenn man in diesem Jahr einen Film schauen sollte, dann diesen.

Bild & Trailer: © Apple TV+

11 Kommentare zu „Wolfwalkers (2020) Hinterlasse einen Kommentar

  1. Wenn man in diesem Jahr einen Film schauen sollte, dann diesen.
    Das ist mal ne Ansage, auch wenn mir da andere Kandidaten einfallen, aber ich werde ihn innerhalb der nächsten Tage sichten

    Gefällt 1 Person

  2. Den Ghibli Vergleich ziehe ich auch immer 🤣 finde ich aber auch vollkommen gerechtfertigt.

    Ich wusste gar nicht, dass Tomm Moore einen neuen Film gemacht hat. Melodie des Meeres und Secret of Kells sind zwei unglaublich tolle Filme. Den hier muss ich mir dann mal vormerken… wenn er den auf Blu Ray erscheint.

    Gefällt 1 Person

    • Bin auch eher zufällig drauf gestoßen .
      Geheimnis der Kells muss ich dann auch noch nachholen, gibts ja aktuell bei Prime.
      Und ja, der Vergleich drängt sich aufgrund der thematischen Ähnlichkeit geradezu auf. Schön zu sehen, dass es auch ausserhalb von Japan noch liebevollen Zeichentrickzauber gibt

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