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Mulan (2020)

Niki Caro, USA 2020 – Stellt euch vor, ihr wollt aus einem sympathischen, eigentlich schon kultigen Zeichentrickfilm, der im feudalen China spielt, einen Realfilm machen. Nun steht ihr vor einem Dilemma: Welchen Weg schlagt ihr ein? Bleibt ihr der Vorlage treu und klappert alle bekannten Stationen und Elemente ab, inklusive Humor, übernatürlicher Mächte, Musikstücke und ulkiger Tier-Sidekicks? Oder macht ihr ein Wuxia-Actionepos mit riesigen Schlachten und stilvollen, wuchtigen Martial-Arts-Einlagen draus, die auch mal an die Substanz gehen? So oder so: Für einen dieser beiden Ansätze solltet ihr euch entscheiden und ihn dann auch durchziehen. Disneys Mulan-Remake beweist nämlich eindrucksvoll, dass der Mittelweg in einer Katastrophe mündet.

Dabei scheint es anfangs durchaus noch so, als wolle man hier etwas Neues versuchen: Nicht nur verzichtet man auf die erwähnten Gesangsstücke und Tier-Sidekicks (prinzipiell nicht schlimm), man ergänzt die Truppe der Gegenspieler – also die mongolischen Invasoren – auch noch durch eine Magierin (Gong Li) und führt zu guter Letzte eine neue übernatürliche Komponente – Chi – ein, wodurch einige Figuren zu übernatürlichen physischen Leistungen fähig sind. Allerdings werden in Mulan im Laufe der knapp zwei Stunden eben auch fast alle ikonischen, aus dem Zeichentrickfilm bekannten Szenen rekonstruiert, denen es durch die inhaltlichen Abänderungen massiv an Glaubwürdigkeit mangelt oder die schlicht keinen Sinn ergeben. In der anfänglichen Szene mit der Heiratsvermittlerin etwa ersetzt man etwa die lustige, herumhüpfende Grille durch irgendeine Spinne, die erstaunliche Sprungfähigkeiten besitzt und der Szene letztlich zwar den gleichen Verlauf wie in der Vorlage gibt – was in der finalen Ausführung aber komplett konstruiert und erzwungen daherkommt. Oder man ersetzt in der Lawinenszene das Feuerwerk durch ein Katapult der Bösewichte, deren zuvor getrunkenes Zielwasser dann plötzlich den Geist aufgibt und die sich aus völliger Blödheit selbst ausknipsen. Auch hier: gleiches Resultat, angesichts der veränderten Elemente wirkt das Resultat aber schlicht an den Haaren herbeigezogen.

Was macht Mulan sonst noch zu einem solch fürchterlichen Film? Unter anderem die Action. Die glänzt durch einen hektischen, chaotischen Schnitt ohne Gefühl für Timing und räumliche Orientierung – und will zwar (gerade in den Massenschlachten) ordentlich heftig daherkommen, aber dann doch irgendwie noch familienfreundlich sein. Also bitte keine Close-ups, kein Blut, bloß nicht explizit werden und nur andeuten, dass da Menschen sterben. Ach so, ein brennendes Katapultgeschuss, das einen Menschenpulk auf einen Schlag pulverisiert, geht aber in Ordnung.

Mit den beiden wesentlichen neuen Figuren weiß der Film ebenfalls nix anzufangen: Mulans Schwester hat lediglich die Funktion, vor Spinnen Angst zu haben und damit die erwähnte Szene bei der Heiratsvermittlerin eskalieren zu lassen. Und die Magierin mag zwar durchaus Relevanz für die Handlung haben, scheidet jedoch auf denkbar unspektakuläre Weise aus der Geschichte. Passend dazu wurden die aus der Vorlage bekannten Nebenfiguren derart eindimensioniert, dass man sich einen feuchten Kehricht um sie schert.

Ach, und wenn wir schon bei den Veränderungen zum Ursprungsmaterial sind, kommen wir doch gleich zur schlimmsten davon. Nein, ich meine nicht die Tatsache, dass der chinesische Kaiser kein schmächtiger alter Mann mehr ist, sondern eine krasse Kampfmaschine. Und auch nicht die selbst für einen Laien wie mich seltsam propagandistisch anmutende (und explizit ausgesprochene) „Kämpfe für dein Volk“-Message. Sondern die Hauptfigur: War Mulan (Liu Yifei) im Zeichentrick eine zwar nonkonforme, aber doch normale, nahbare und euphorische junge Frau, die durch hartes Training und Mut in der Schlacht, im Angesicht des sicheren Todes die etablierte Geschlechterordnung aufbrach, wird sie nun zur Protagonistin einer kruden Auserwählten-Geschichte: Mulan ist von Anfang an begabt, muss keine körperliche Lernkurve absolvieren – und ihr „Mut“ besteht letztlich nur darin, den Soldaten zu beichten, dass sie eine Frau ist. Wie man durch eine so kleine Änderung derart drastisch die Botschaft der Vorlage in den Staub treten kann, ist beachtlich.

Klar, Mulan sieht toll aus, ist hochwertig produziert, bla bla. Nützt nur alles nix, wenn dabei ein seelenloses, überflüssiges, unentschlossenes und derart mutloses Werk herauskommt, das umso mehr schmerzt, je mehr man den Zeichentrick mag. Ich hätte kaum gedacht, dass Disney nach der bereits richtig schlimmen König-der-Löwen-„Real“-Version nochmals im Negativen nachlegen kann. Haben sie aber tatsächlich geschafft.

Bild: © Disney

5 Kommentare zu „Mulan (2020) Hinterlasse einen Kommentar

  1. Da ist jemand ja doch sehr schwer enttäuscht. Ich kann es aber absolut verstehen… gerade wenn man das Original mag und gerade wenn man auch sieht, welche Möglichkeiten man mit dem Remake hatte. Da gebe ich dir in Sachen Mutlosigkeit absolut recht. Aber das scheint auch irgendwie die neue Disney Masche zu sein… so tun als ob man sich öffnet, dann aber vieles doch nicht so offen angehen

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