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Outer Wilds (2019)

Es ist schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal an dieser Stelle etwas zu einem Videospiel veröffentlicht habe. Meist, so denke ich mir immer, hätte ich wenig Substanzielles dazu zu sagen, und in der Regel lägen schon einige Jahre zwischen Veröffentlichung und Beitrag, weshalb die Lust einen Text zu schreiben eher gering ist. Beide Gründe treffen auch auf Outer Wilds zu, das ich vor einigen Tagen (wie so viele wunderbare kleine Spiele in letzter Zeit) im Xbox Game Pass entdeckt habe.

Warum ich aber doch etwas dazu schreibe? Nun, ich bekomme wahrlich nicht oft Spiele in die Finger, die wahre Eye Opener sind; die meinen Gaming-Horizont erweitern und mir etwas geben, das sich wohl auf ewig als einzigartige Erfahrung in meinem Gedächtnis festkrallen wird. Dark Souls (1) war so ein Spiel. Nier: Automata war so ein Spiel. Und Outer Wilds ist es ebenfalls.

Dabei findet sich die größte Schwäche des Spiels direkt zu Beginn – konkret der Einstieg. Als Mitglied einer (aus menschlicher Perspektive) Alien-Rasse erwache ich an einem Lagerfeuer und erfahre, dass ich der nächste Rekrut im Raumfahrtprogramm meiner Spezies bin. Mein erster Auftrag: Die Start-Codes für das Raumschiff besorgen, damit ich wie schon einige vor mir das Sonnensystem erkunden kann. Der Marsch durch das Dorf und die damit verbundenen Tutorials sind zwar nett, in Summe aber eine ziemlich lahme, undynamische und generische Angelegenheit. Sobald ich jedoch im Raumschiff sitze und die Expedition beginnt, entfaltet das Spiel langsam, aber stetig seine schiere Brillanz. Und das sowohl konzeptuell als auch in seiner Ausführung.

Outer Wilds ist ein Spiel über Exploration, über die Entdeckung und das Entschlüsseln von Geheimnissen, und von daher will, nein, darf ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten. Deshalb nur das Grundlegende: Ich erkunde im Laufe der folgenden 15 bis 20 Stunden dieses auf Miniaturmaße geschrumpfte Sonnensystem mit seinen fünf großen und diversen kleineren Himmelskörpern, von denen jeder nicht nur eigene Geheimnisse birgt, sondern auch ganz unterschiedliche konzeptuelle Kniffe hat und sich über die Zeit teils massiv verändert. Meine Ausrüstung besteht aus meinem Raumanzug, einem Gerät zum Aufspüren von Tonquellen, einem Abschussgerät für eine Fotodrohne und einem Übersetzungsgerät für die Schriften der Nomai, einer ausgestorbenen Alien-Rasse, die überall im Sonnensystem ihre Spuren hinterlassen hat. Weit komme ich aber nicht: Nach 22 Minuten wird die Sonne zur Supernova, ich verglühe und beginne (wie bei jedem anderen der mannigfaltig möglichen Tode) wieder am Startpunkt. Ich stecke in einer Zeitschleife.

Nach und nach stoße und entschlüssele ich nun immer mehr Geheimnisse. Und das Herausragende daran: Jegliche Progression ist rein kognitiver Natur. Ich erhalte keine neue Ausrüstung, keine neuen Fähigkeiten, sondern nur neues Wissen über diese Welt, ihre Himmelskörper, die Nomai und das, was sie einst hier gesucht haben. Das einzige, was sich ändert, ist der Inhalt der Datenbank meines Raumschiff-Computers, der meine Erkenntnisse festhält. Nach der anfänglichen ersten Aufgabe gibt es kein explizites Spielziel mehr. Was mich antreibt, ist einzig die Neugier auf der Suche nach der Auflösung der zahllosen Mysterien, die mir Outer Wilds entgegenwirft.

Zu Beginn bin ich überfordert: Wo landen? Womit beginnen? Wie gehe ich hier am besten auf meine Spielweise (=systematisch) vor? Dann folgt die Ohnmacht im Angesicht der kosmischen Ausmaße des Spiels. Nicht hinsichtlich der Größe, die Spielwelt von Outer Wilds ist gemessen an heutigen Standards geradezu klein. Sondern weil ich mich dieser Welt und den Kräften, die in ihr wirken, hilflos ausgesetzt fühle. Ich traue mich kaum in die Nähe der Sonne, weil ich nicht den Feuertod sterben will. Die schwarze, dunkle Leere des All macht mir ebenso Angst wie das Schwarze Loch inmitten eines der Planeten. Und unter die Oberfläche des grünen Gasriesen (zumindest dem Anschein nach) oder in das Innere dieses Himmelskörpers, der von einer seltsamen Rankenpflanze zerfressen wurde, traue ich mich ohnehin nicht.

Wo mich nahezu jedes andere Spiel in eine (Über-)Machtposition versetzt, macht mir Outer Wilds unmissverständlich klar, dass ich nur ein kleines Staubkorn innerhalb dieses Universums/Sonnensystems bin. Ich will zunächst nicht heraus aus meiner Komfortzone – und doch nötigt mich das Spiel dazu. Und belohnt mich mit einer außergewöhnlichen Spielerfahrung.

Noch einmal: Jeglicher Fortschritt, den ich mache, findet einzig in meinem Kopf statt. Mit jeder Inschrift, die ich übersetze, verstehe ich entweder die Ziele der Nomai besser, die Rätsel dieser Welt oder ihre kosmischen Gesetze. Dann geht es plötzlich um Warp-Technologie, die Raumzeit und letztlich Quantenmechanik – alles wissenschaftlich fundierte Konzepte, die ich langsam durchblicke und für mich zu nutzen weiß. Ich bin noch immer ein kleines Staubkorn, aber ich fühle mich sicherer, weil ich die Beschaffenheit der Welt verstehe. Solange, bis ich schließlich die Credits laufen sehe.

Die Motivation, die Outer Wilds in mir weckt, ist nicht extrinsischer Natur, sondern ganz und gar intrinsisch. Es sind keine Zahlen, Fortschrittsbalken oder neue Skills, nach denen ich strebe, sondern Antworten auf Fragen, die durch meine Neugier, meinen schieren Drang nach Verständnis aufgeworfen werden. Womit Outer Wilds letztlich ein Spiel über die Wichtigkeit des Entdeckerdrangs des Menschen und die Relevanz von Wissen für dessen Konstitution, ja Existenz ist. Und sogar, wie wichtig dieser Drang zu wissen für das Universum ist. Verleihen wir, die wir all die faszinierenden, wunderschönen oder auch furchterregenden Dinge dieser Galaxie erkunden, festhalten und erklären, ihnen erst dadurch Bedeutung? Outer Wilds wirft in mir massive existenzielle Fragen auf, ohne mir sie aufzuzwängen. Die Erkundung des Weltalls ist nicht wie in anderen Science-Fiction-Storys eine Reise zur Selbsterkenntnis, sondern dient einzig einem Zweck: der Erkundung des Weltalls. Und dem Generieren von Wissen. Und all das ist in seiner Form nur durch die Interaktion, durch das Medium Spiel möglich.

Glücklicherweise ist das Endprodukt in einem formidablen Zustand, kein Technikwunder, aber doch erstaunlich fehlerfrei, in seinen Szenarien teilweise wunderschön und mit einem brillanten Sounddesign verfeinert, auch wenn sich das -absolut passend – meist in Schweigen hüllt.

Viel Text also nun, den womöglich nicht viele Menschen lesen werden. Der aber vor allem dazu da war, damit ich dieses außergewöhnliche Spielereignis für mich selbst verarbeiten meine Faszination in Worte gießen kann. Und falls ich da draußen doch irgendjemanden hiermit erreiche und ihn oder sie dazu bringen kann, einen Blick auf Outer Wilds zu werfen, den lahmen Einstieg zu überwinden und womöglich ein ähnlich erhellendes Erlebnis zu haben, dann war es das in doppelter Hinsicht wert.

Bilder: (c) Annpurna Interactive/Moebius Digital

5 Kommentare zu „Outer Wilds (2019) Hinterlasse einen Kommentar

  1. Du hast mich erreicht und es war ein wunderschöner Erlebnisbericht. Ich würde das Spiel auch ganz gerne spielen, habe aber noch viel zu viele andere Titel vor mir, die gespielt werden müssen.

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  2. Da hatte ich auch mal ein Auge drauf geworfen, es mir dann geholt, war aber die erste Stunde so dermaßen überfordert, dass ich wieder aufgehört habe. Vielleicht sollte ich dem Ganzen nochmal eine Chance geben…

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