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Shiva Baby (2020)

Emma Seligman, USA/CAN 2020 – Nach einer langjährigen Auszeit habe ich mich mal wieder ins Programm von Mubi eingekauft. Denn der Arthouse-Streamingdienst mausert sich immer mehr zur Erstveröffentlichungsplattform etwas speziellerer Filme, die es wohl nur schwer oder gar nicht zu Netflix oder Prime schaffen würden – und bringt im Juli den hochgelobten First Cow nach Deutschland. Bereits jetzt gibt es dort aber ein echtes Jahres-Highlight zu sehen: Shiva Baby.

Der erzählt von der jungen Jüdin Danielle (Rachel Sennott), die als baldige College-Absolventin vor dem Start in einen neuen Lebensabschnitt in Richtung Unabhängigkeit steht. Damit ist sie allerdings heillos überfordert, denn einige ihrer Freundinnen sind schon wesentlich weiter – und sie selbst hat keinen Plan, wie es weitergehen soll. Noch lebt sie vom Geld ihrer Eltern und verschafft sich zumindest ein kleines eigenes Einkommen, indem sie sich ältere Männer als Sugar Daddys sucht.

Einen von denen, den scheinbar glücklich leierten Max (Danny Deferrari), trifft sie nun auf einer Trauerfeier der jüdischen Gemeinde – einer sogenannten Shiva – wieder. Ein simpler Ausgangspunkt für eine Geschichte, die Regisseurin Emma Seligman bereits in einem gleichnamigen Kurzfilm realisiert, nun aber nochmal auf Spielfilmlänge gestreckt hat. Und im Gegensatz zu einigen anderen Fällen, in denen das furchtbar schiefging (lookin‘ at you, Code 8), entpuppt sich Shiva Baby als höchst unterhaltsamer und verdammt kluger Film.

Anstatt dass hier getrauert wird, fühlt sich die Shiva nämlich eher wie eine große Familienfeier an: Es gibt reichlich essen, überall wuseln die Menschen herum oder bilden kleine Grüppchen, um über alles, wirklich alles außer über die Verstorbene zu sprechen und mit ihrer Familie, ihrem Job, ihren Erfolgen zu prahlen.

Nun steht da also Danielle als junge Frau, die sich in diesem Geflecht wie eine große Versagerin fühlt, mit anderen verglichen wird, desorientiert und genervt ist, wie das jeder nur allzu gut von Familienfeiern kennen dürfte. Die sich aber zugleich mit ihrer geheimen Identität als Sugar Girl eine gewisse sexuelle Macht und Self Empowerment erarbeitet hat. Die aber dennoch unter der Last und dem Druck der Erwartungen immer weiter zusammenschrumpft und dies auch körperlich zu spüren bekommt, wenn sie sich zunächst an einem rostigen Nagel sticht und später noch Kaffee über die Bluse geschüttet bekommt. Alles, alles geht an diesem Tag für sie schief, und das ist wahnsinnig lustig, gleitet jedoch nie in Klischee-US-Comedy-Gefilde ab.

Shiva Baby ist klug und knackig geschrieben (Laufzeit: circa 80 Minuten), toll gespielt, wunderbar dynamisch und mit seinem Ein-Tag-in-einem-Haus-Szenario angenehm minimalistisch. Ein Coming-of-Age-Film, der keine großen Experimente wagt und doch so anders ist als vieles, das es sonst in diesem Genre zu sehen gibt – und das im absolut positiven Sinne.

Bild: (c) Thick Media / Mubi

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