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Titane (2021)

Julia Ducournau, FRA/BEL 2021 – So eine Goldene Palme ist natürlich ein Ausrufezeichen in der internationalen Filmlandschaft. Die gab es dieses Jahr für Julia Ducournaus Titane, was sie zur erst zweiten Regisseurin mit dieser Auszeichnung machte. Umso gespannter war ich deshalb auch auf die Pressevorführung, bei der etwas geschah, das ich bislang für ein Klischee hielt: Zwei Kolleg*innen verließen währenddessen den Saal. Was ich in gewisser Weise nachvollziehen kann – Titane ist tatsächlich wahnsinnig harter Tobak. Aber gerade deswegen ein so herausragender Film, der garantiert niemanden kalt lässt.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Alexia (Agathe Rousselle), deren Vorgeschichte in einem knappen Prolog erzählt wird: Infolge eines Autounfalls wird ihr eine Titanplatte über dem Ohr einoperiert. Es folgt ein Schnitt in die Gegenwart und damit eine Sequenz, die Erinnerungen an die Tanzszene von Climax weckt: Die Kamera gleitet langsam, ohne Schnitt durch eine Auto-Show, heftet sich an Alexias Fersen, überall halbnackte tanzende Frauen an Edelkarossen und schließlich wieder ein Blick zurück auf die Protagonistin, die sich auf einem Wagen räkelt und die Aufmerksamkeit auf sich zielt. Dazu läuft „Doing it to Death“ von The Kills – eine perfekte sinnliche Verschmelzung, bedrohlich und erotisch, und zugleich auf all das Fatale hindeutend, was da noch kommen mag.

Alexia jedenfalls gilt in dieser Subkultur als Star, muss etliche Autogrammanfragen bewältigen, verströmt jedoch von Beginn an eine starke Antipathie für Menschen, ob nun Kolleginnen, Fans oder ihre Familie. Ihre Liebe – und das nicht nur im übertragenen Sinne – gilt stattdessen Autos, wie eine spätere Szene mehr als deutlich macht. Ob das alles eine Folge der Platte in ihrem Kopf liegt, lässt der Film offen, der Gedanke drängt sich jedoch geradezu auf.

Nach einer grausamen Bluttat tritt Alexia schließlich die Flucht an, schneidet sich die Haare, gibt sich als zurückgekehrter Junge aus, der vor vielen Jahren verschwand – und landet daraufhin bei dessen Vater Vincent (Vincent Lindon), einem bulligen Feuerwehrmann mit einem Faible für Testosteron, der sich in seiner Freude über das Wiedersehen von Alexias Schauspiel täuschen lässt. Was damit beginnt (weitere Details spare ich aus Spoiler-Gründen aus), ist eine ungewöhnliche, extrem ambivalente zwischenmenschliche Beziehung. Eine Geschichte über den schmalen Grat zwischen Selbstoptimierung und Selbstzerstörung, die Geschlechter- und Körpergrenzen auflöst. Und eine der für mich intensivsten Body-Horror-Erfahrungen seit Die Fliege.

Überhaupt hätte dieser Film zu den Hochzeiten Cronenbergs entstehen können: Alexias Körper vollzieht eine Transformation, die extrem an die Substanzgeht – ihre eigene und an die des Publikums, bis hin zur Unerträglichkeit. Titane ist ein filmisches Monstrum, das in Mark und Bein fährt und trotz starker Metaphorik nie in pure Abstraktion abdriftet. Agathe Rousselle ist toll, Vincent Lindon ist überragend, und die Inszenierung wird all dem mit kräftigen Bilder einem packenden Soundtrack gerecht. Titane ist damit auf dem besten Wege an die Spitze meiner Jahres-Top-10.

Bild & Trailer: (c) Koch Films

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