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Last Night in Soho (2021)

Seien wir ehrlich: Nach dem phänomenalen Baby Driver konnte der nächste Film des Briten Edgar Wright nur schlechter werden. Und genau das ist auch passiert. Was jedoch keinesfalls heißt, dass Last Night in Soho ein schlechter Film wäre – im Gegenteil. Allein schon der radikale Genrewechsel – weg von Action-Komödien, hin zu einem Mystery-Horror-Psycho-Thriller – beweist das (kreative) Selbstbewusstsein und die Qualitäten dieses Regisseurs abermals. Und dass sich der Film darüber hinaus so anfühlt, als wäre Wright schon immer in diesem Sujet tätig gewesen, umso mehr.

Ging es in Hot Fuzz, Wrights zweitbestem Film, für Simon Pegg von der Stadt aufs Land, nimmt Thomasin McKenzie hier den umgekehrten Weg: Die von ihr gespielte Eloise zieht vom Landhaus ihrer Großmutter, bei der sie seit dem Tod ihrer Mutter lebt, nach London, Stadtteil: Soho. Dort will sie Mode studieren und kommt zunächst in einem Studentinnenwohnheim unter, wo die introvertierte junge Frau aber alles andere als glücklich ist. Insbesondere ihre narzisstische Zimmergenossin Jocasta (Synnøve Karlsen) macht ihr das Leben schwer, und so beschließt Eloise, sich an anderer Stelle eine Wohnung zu suchen.

Fündig wird die Liebhaberin der „guten alten Zeit“ – sie ist in die Mode und Musik der 60er, 70er, 80er verliebt – bei Miss Collins (Diana Rigg in ihrer letzten Rolle), die ihr ein Zimmer vermietet, das jedoch eine düstere Vorgeschichte zu haben scheint. Schläft Eloise dort ein, erwacht sie im Soho der 60er, wo sie dem Werdegang einer gewissen Sandy (Anya Taylor-Joy) folgt, die es zum Starlett in der dortigen Clubszene bringen will. Ein zwielichtiger Manager (Matt Smith) scheint ihr diesen Wunsch auch erfüllen zu wollen – doch Sandys Weg endet so gar nicht dort, wo sie es sich wünschte, sondern auf fatale Weise.

Was als mutmaßlicher Nostalgie-Trip beginnt – Wright lullt einen mit all den schönen Bilder, einnehmenden Kulissen, der eleganten Garderobe und dem überragenden Oldschool-Soundtrack zunächst völlig ein -, verkehrt sich alsbald ins komplette Gegenteil. Und damit in eine gnadenlose kritische Abrechnung mit eben jener Nostalgie, mit der Verklärung der „guten alten Zeit“, mit toxischer Männlichkeit und der damals wie heute existierenden Objektifizierung von Frauen(körpern), im steten Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wobei erste zunehmend Einfluss auf Letztere nimmt. Dann steigt auch die Frequenz der Horrorpassagen, der Film steigert sich in Intensität, Tempo und dem Erzeugen von Unhagen. Horror kann Wright also ebenfalls, auch wenn er dabei keine wirklich neuen Impulse setzt.

Und das ist dann auch schon der größte Kritikpunkt, dem ich Last Night in Soho zu Last legen kann: dass ihm die gewohnte Edgar-Wright-Freshness fehlt. Der Regisseur innoviert sich hier zwar selbst, nicht aber das Genre, in das er sich begibt. Die tadellose Inszenierung, die teils brillanten SchauspielerInnen, das Set- und Kostümdesign, die packend-spannende Handlung und der hervorragende Soundtrack ergeben dennoch einen Film, der in diesem Jahr zum Pflichtprogramm aller gehören sollte.

Bild & Trailer: (c) Universal

3 Kommentare zu „Last Night in Soho (2021) Hinterlasse einen Kommentar

  1. Der Trailer zum Film hat schon Lust auf mehr gemacht – obwohl mich Trailer sonst eher kaltlassen und ich generell keinen Film nur wegen einer tollen Werbevorschau schaue. Deine Kritik hat mir nun einen hervorragenden Überblick gegeben. The Last Night in Soho wird definitiv mein nächster Kinobesuch.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich hab den Film heute im Kino gesehen und der Twist vermag einen wirklich umzuhauen. Ansonsten ein inszenatorisch intensiver und stark gespielter Psychothriller. Thomasin McKenzie und Anya Taylor-Joy sind gewohnt stark, aber Diana Rigg gibt hier ihre große Abschiedsvorstellung.

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