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The Last Duel (2021) & House of Gucci (2021)

Ridley Scott, USA/UK 2021 – … alias „Der doppelte Ridley“ oder auch „Die zwei Gesichter des Ridley Scott“ oder auch „Hat Scott einen Klon, von dem wir nichts wissen?“. Denn es ist schon erstaunlich, welch gewaltiger Qualitätsunterschied zwischen diesen beiden Scott-Inszenierungen liegt, die mit nur wenigen Wochen Abstand im Kino gestartet sind. Und bei denen ausgerechnet der viel, viel schlechtere Film das Rennen beim Publikum zu machen scheint. Aber von vorn.

The Last Duel und House of Gucci könnten – einzig bis auf die Anwesenheit von Adam Driver in beiden Filmen – kaum unterschiedlicher sein. Los geht’s bei der Geschichte: Ersterer dreht sich um eine langjährige Fehde zweier französischer Ritter im Spätmittelalter, die in einem Duell auf Leben und Tod mündet. Letzterer um das Modehaus Gucci respektive die Irrungen und Wirrungen, die sich dort zwischen den 70ern und 90ern zugetragen haben.

So ganz prinzipiell: Welche davon klingt interessanter? Für mich ist es fraglos die zweite, und umso erschreckender ist es, mit welcher scheinbar selbstverständlichen bis gelangweilten Souveränität Scott diese Geschichte einfach chronologisch runterbetet und sich damit auf der Realität ausruht. Für The Last Duel haben sich die drei DrebuchtautorInnen Ben Affleck, Matt Damon und Nicole Holofcener hingegen einen Kniff überlegt: Sie schildern in drei Episoden die Geschehnisse jeweils aus Sicht der von Matt Damon und Adam Driver gespielten Ritter sowie der von Jodie Comer verkörperten Marguerite de Carrouges, die den einen heiratet und vom anderen vergewaltigt wird, was zum titelgebenden Duell führt. Insofern stellen sich viele Szenen im Großen wie im Kleinen immer wieder anders dar (und lassen dabei überdeutliche Bezüge zu jüngsten Debatten und Skandalen erkennen), vor allem was die Ehe betrifft. Schlussendlich mündet all dies in das (im Gegensatz zu House of Gucci) packenden Finale, in dem das alles andere als elegante Duell zwischen den zwei Testosteronschleudern in Szene gesetzt und damit gleich noch der Mythos von edlen, noblen Rittersmann entzaubert wird.

Nun ist The Last Duel ein Film, der sich auf drei ganz spezifische Figuren konzentriert, während House of Gucci eher wie ein Ensemblestück anmutet. Da spielt Lady Gaga die Hauptrolle der Patrizia Reggiani, die den Gucci-Erben Maurizio (Driver) heiratet und bei der nie so wirklich klar wird, ob sie ihn nun wirklich liebt oder nur auf das Geld aus ist. Beides stimmt wohl irgendwie, und immerhin das ist halbwegs gelungen. In Nebenrollen spielen Jeremy Irons und Al Pacino auf, während Jared Leto die absurdeste Show seines Lebens abliefert.

Über Letos Darbietung kann man unterschiedlicher Meinung sein. Für mich war sie eine Qual, völlig deplatziert in diesem Film, der sich sonst eigentlich recht ernst nimmt, poltert da dieser Kerl rum, der durch seine völlig überdrehte und -spielte Art jede einzelne Szene gnadenlos zerstört. Letos Schauspiel ist nicht per se schlecht – es passt nur eben überhaupt nicht zum Rest des Films, wirkt wie ein Fremdkörper. So als sei diese Figur einer Adam-Sandler-Komödie entflohen, aus Versehen an Scotts Set gelandet und halt dageblieben.

Wir müssen noch über etwas anderes reden: Stil. Wolle man böse sein, könnte man sagen, den habe Scott nach seinen glorreichen Alien– und Blade-Runner-Tagen schon lange nicht mehr – und House of Gucci würde diese These bestätigen. Das Fahrlässige, ja fast Fatale ist dabei, dass ausgerechnet ein Film über dieses (!) Modehaus mal so gar keinen Style hat. Womit ich nicht nur meine, dass die Mode selbst – ihr Erschaffungsprozess, ihre Wirkung, ihre Faszination – diesem Film völlig egal ist. Sondern vor allem, dass a) einfach bekannte Pop-Songs ohne inhaltlichen Kontext, ohne Anlass, ohne Einbindung wie eine Nebenbei-Spotify-Playlist abgespielt werden und b) die Bildsprache den Charme eines Ikea-Regals hat: grundsolide, zuweilen auch ansehnlich, aber letztlich konventionelle Massenware, die alsbald langweilt. Wo sind die Farben, die Energie – auch in der Story -, die außergewöhnlichen Momente, die einen optisch wie erzählerisch entzücken? House of Gucci lässt sie schmerzlich vermissen.

Ganz anders The Last Duel. Zugegeben, auch der ist über weite Strecken konventionell inszeniert, und seine Optik lässt sich eigentlich in einem Wort zusammenfassen: grau. Aber exakt diese Grauheit, diese Tristesse, die vortrefflich zur abgebildeten Periode passt, diese in ihrer Monochromie und Monotonie fast schon stoischen Bilder verleihen diesem Anti-Ritterfilm eine eigene Identität, die House of Gucci völlig abgeht.

Die qualitativen Unterschiede zwischen beiden Filmen sind auf jeder Ebene eklatant, gewaltig – und dementsprechend fallen auch meine Wertungen aus.

The Last Duel:

House of Gucci:

Bilder & Trailer: The Last Duel (c) Fox/Disney; House of Gucci (c) Universal

8 Kommentare zu „The Last Duel (2021) & House of Gucci (2021) Hinterlasse einen Kommentar

  1. Oh krass. Da liegen wir mal weit auseinander. Nicht bei Last Duel. Den fand ich auch gut. Aber bei House of Gucci, den ich tatsächlich sehr mochte. Dieser Mix aus Parodie und Soap Opera kam bei mir echt gut an… ich kann aber auch jeden Punkt nachvollziehen, den du hier aufbringst.

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    • Bei mir halt leider gar nicht – die letzte Stunde war ich konstant entnervt und wollte nur noch, dass es aufhört ^^
      Beides war jeweils einfach zu wenig, ich hätte mir nen klaren Fokus aus eines der beiden Sachen gewünscht

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  2. Schöne Idee beide Filme gemeinsam zu besprechen. Nun „The Last Duel“ fand ich weniger stark als du, was ich allein auf Scotts Regie zurückführe und bei „House of Gucci“ sage ich, dass der nicht bescheuert genug war. Wenn alle es wie Leto machen würden (Pacino und Irons spielen da aber auch gut mit), wäre der Film viel besser.

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      • Eben – wenn alle so wie Leto agiert hätten (oder zumindest ansatzweise) hätte das funktioniert. So aber überhaupt nicht, zumindest nicht für mich.
        Dass mir Last Duel so viel besser gefallen hat, liegt vielleicht auch einfach daran, dass ich solche Mittelalter-Storys prinzipiell sehr mag.

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  3. Spannende Gegenüberstellung. Mich würde ohnehin nur „The Last Duel“ interessieren, auch wenn ich vom Gucci-Film mehrmals den Trailer im Kino sehen „durfte“. Ich finde bei all den großartigen Werken Scotts wird oft vergessen, dass er auch viel belangloses Zeug dreht.

    Seit gestern ist übrigens der dritte Film aus diesem Jahr mit Adam Driver in den Kinos angelaufen: „Annette“, ein Musical von Leos Carax. Wider Erwarten völlig ohne Beteiligung von Ridley Scott. Ich bin noch etwas unentschlossen bezüglich der Bewertung, frage mich aber bei den ganzen überwiegend positiven Kritiken, die das Werk als „außergewöhnlich“ bezeichnen, ob die einen anderen Film gesehen habe. Für mich war das über weite Strecken ein sehr gewöhnliches Filmmusical.

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    • Scott bzw. sein Ruf lebt heute noch davon, dass er mit Alien und Blade Runner zwei stilbildende Klassiker inszeniert hat, wie ich finde. Und klar, auch danach sind ihm noch ein paar sehr gute Filme gelungen, aber vieles wirkt auch wie pure Auftragsarbeit.
      Über Annette hab ich ebenfalls vorwiegend Positives mitbekommen – und Musicals (ist dich eines, oder?) reizen mich ja ohnehin prinzipiell. Werde da wohl aber auf die HK-Auswertung warten müssen.
      Vielleicht kam er so gut an, weil er Cannes eröffnet hat und das ja letztes Jahr ausfiel?

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