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„Narcos“: Kritik zur ersten Staffel der Serie um Pablo Escobar

Als Brian de Palma 1983 seinen Klassiker Scarface mit Al Pacino in einer seiner prägnantesten Rollen ins Kino brachte, übersetzte er damit erfolgreich die Geschichte von Al Capone in ein modernes Szenario. Der Exil-Kubaner Tony Montana schmuggelte jedoch, anstatt von Alkohol, Kokain ins Land und wurde dadurch zu einem der reichsten und gefürchtetsten fiktionalen Gangster aller Zeiten. Seinen unvermeidbaren Untergang verdankte er nur einem Fehler: Er verscherzte es sich mit seinem bolivianischen Lieferanten Alejandro Sosa.

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There’s no business like Blow-business

Zur selben Zeit hatte sich in Kolumbien ein Mann erhoben, der – ob gewollt oder ungewollt – als Vorbild für Sosa dienen sollte: Pablo Escobar. Mittlerweile zur Kult- und Symbolfigur in Film, Literatur und Musik (besonders im Gangsta-Rap) geworden, gibt es nun endlich auch eine Serie, die sich diesem Phänomen ausführlich widmet. Die wird von Netflix produziert und erfuhr in den letzten Monaten einen kleinen Hype – und das nur allzu recht: Narcos gehört mit zum Besten, was das VoD-Unternehmen bisher hervorgebracht hat.
Denn ihr gelingt eine perfekte Symbiose aus Geschichtsstunde und Unterhaltung, was die Serie gerade für diejenigen interessant macht, die die damaligen Ereignisse nicht in der Tagesschau mitverfolgen konnten oder sich ausführlich mit dem Geschehen im Kolumbien der 80er Jahre beschäftigt haben. Dennoch ist sie für letztere nicht weniger sehenswert.

Narcos bemüht sich um eine ebenso ausführliche wie detaillierte Aufarbeitung der Geschichte von Pablo Escobar, beginnt noch vor seinem ersten Kontakt mit dem weißen Gold, zeigt seinen allmählichen Aufstieg zum mächtigsten Drogenboss Südamerikas, der dabei natürlich auch die Aufmerksamkeit der US-Behörden auf sich zieht, was zunächst zu einem nationalen und später internationalen Konflikt heranwächst. Und es zeigt all dies in seiner ganzen, unangenehmen Konsequenz: Narcos ist blutig und brutal, was jedoch nie zum Selbstzweck wird. Die Allgegenwärtigkeit von Gewalt und Tod, die permanente Unberechenbarkeit des weiteren Verlaufs der Story schaffen eine Atmosphäre, die kaum packender sein könnte. Es ist ein Weilchen her, dass ich bei einer Serie nach jeder Folge direkt die nächste sehen wollte – Narcos ist es gelungen, dieses Gefühl endlich einmal wieder in mir zu erwecken.

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„Lieber ein Grab in Kolumbien, als eine Gefängniszelle in den USA.“

Dies liegt zu einem erheblichen Anteil am Star, Protagonisten und gleichzeitigen Antagonisten von Narcos. Wagner Moura verkörpert Escobar so wahnsinnig gut, dass jede einzelne Szene mit ihm stets mindestens ein kleines Highlight ist. Trotz Wohlfühlbäuchlein und generell harmlosen Aussehen geht von ihm eine (im wahrsten Sinne des Wortes) unheimliche Ausstrahlung und Anziehungskraft aus. Narcos‘ Version von Don Pablo ist ein ambivalenter Bösewicht par excellence: ein liebender Familienmensch und prinzipientreuer Patriot, aber auch ein eiskalter, grausamer Killer und natürlich: Drogenbaron. Mal fiebert mal mit ihm mit, mal hasst man ihn, mal fürchtet man ihn. Die Serie lebt von dieser Figur – aber zum Glück nicht ausschließlich.

Denn auch die übrigen handlungstragenden Figuren sind überwiegend gelungen, auch wenn gerade das Casting und die deutsche Synchronstimme des vermeintlichen Helden nicht optimal sind. Dass der dann zugleich als Voice-over-Kommentator fungiert, mag am Anfang ein wenig stören. Doch auch hier zeigt sich das Talent der Verantwortlichen, tiefe Figuren und deren Wandelung greifbar auf Film bannen. Der anfangs noch naive DEA-Agent Steve Murphy nähert sich auf moralischer Ebene nämlich recht schnell seinem eigentlichen Feind an – und auch das ist absolut nachvollziehbar erzählt.
Am Ende sitzt man da, geschockt von all der Boshaftigkeit und den Grausamkeiten, und kann dennoch vollkommen verstehen, wie es dazu kommen konnte – wieso all das geschehen musste. Die Spirale der Gewalt so konsequent in ein Serienformat zu übersetzen, das ist bisher höchstens noch Breaking Bad gelungen – Narcos schafft das sogar ohne irgendwelche Längen.

Seine historische Unterfütterung erhält Narcos durch das regelmäßige Einspielen echter Bild- und Fernsehaufnahmen. Kulissen, Ausstattung sowie die Tatsache, dass sämtliche Passagen, in denen Spanisch gesprochen wird – und die machen hier den größten Teil aus – lediglich untertitelt werden, tragen ihr Übriges zur höchst authentischen Atmosphäre der Serie bei. Ein weiterer kleiner, für mich persönlich aber sehr gewichtiger Pluspunkt: das stimmungsvolle, True Detectiveähnliche Intro, das ich mir bei jeder der zehn Folgen immer wieder gerne angesehen habe.

Fazit

Narcos ist – man verzeihe mir den Gebrauch dieses von ZDF-Dokus gesprägten Begriffs – Edutainment in seiner gelungensten Form, das also sowohl den Edu(cation)- als auch den (Enter)tainment-Anteil gleichermaßen perfekt bedient. Sicherlich mag das eine oder andere historische Detail der Dramaturgie zum Opfer gefallen sein, wenn das Endprodukt dann aber auf atmosphärisch-erzählerischer Ebene so ein Knüller ist, kann man nicht anders, als mit größter Freude darüber hinwegzusehen. Narcos ist eine grandiose Serie und mit ziemlicher Sicherheit eine der sehenswertesten, die in diesem Jahr ihr Debüt feiern durften. Die besten Geschichten schreibt eben immer noch das echte Leben.

Bilder & Video: (c) Netflix

2 Kommentare zu „„Narcos“: Kritik zur ersten Staffel der Serie um Pablo Escobar Hinterlasse einen Kommentar

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