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Kritik: „Es“

Es (It, Andrés Muschietti, USA 2017)

Neuverfilmung des Kult-Horrorfilms nach Stephen Kings Vorlage, die fast alles richtig macht. Probleme gibt’s ausgerechnet beim Horror.

Einen ganzen Batzen Hype gab es für die Neuverfilmung von Stephen Kings Vorzeigewerk Es, der Geschichte über den Horrorclown Pennywise, der alle 27 Jahre zurückkehrt, um die Kleinstadt Derry und ihre Kinder zu terrorisieren. Passenderweise geschieht das exakt 27 Jahre nach dem kultigen TV-Zweiteiler. Der hatte (nicht nur nach heutigen Maßstäben) mit einigen Problemen zu kämpfen, konnte die Faszination für die Vorlage trotz dessen aber gut vermitteln. Dem neuen Es gelingt es, eben jene Mängel zu umschiffen – perfekt ist aber auch nicht.

Club der toten Verlierer
Was am Es von 2017 schon mal deutlich besser ist, das ist seine Erzählstruktur. Anstatt die Geschichte der sieben Kinder, die zusammen den „Club der Verlierer“ gründen und seine exklusiven Mitglieder sind, in Rückblenden und dadurch sehr zerhackt zu erzählen, ist die Struktur von Muschiettis Reboot kohärenter weil chronologisch. Der für einen Horrorfilm so wichtige Spannungsaufbau funktioniert damit besonders für Nicht-Kenner besser. Alle, die nicht dazu gehören, müssen hinsichtlich des Nervenkitzels jedoch Abstriche machen, denn Es bleibt der (Film-)Vorlage im Wesentlichen treu.

Noch immer fällt zunächst der kleine Georgie dem Gruselclown zum Opfer, noch immer wird der Nachwuchs von den stereotypen Bullies gemobbt, noch immer wird die Truppe durch den Terror von Pennywise zusammengeschweißt und geht schließlich auf Konfrontationskurs. Die Story ist identisch, der Plot wartet jedoch mit einigen Abänderungen auf, die auch Fans der 1990er-Version überraschen werden. Und diese Änderungen sind überaus gelungen.

Konkreter, authentischer, expliziter
Zum ersten werden die für einen Horrorfilm so wichtigen Regeln, denen das Monster unterliegt, präziser kommuniziert. Zum zweiten ist die Dynamik innerhalb der Halbstarken-Truppe äußerst glaubwürdig und erinnert – im besten Sinne – an Stranger Things: authentischer Trashtalk, überzeugende Jungdarsteller, individuellere Charaktere. Zum dritten ist Es hinsichtlich seines Gewalt- und Ekelfaktors sehr viel expliziter, was beim Verschwinden von Georgie beginnt und bei der „schwierigen“ Beziehung zwischen Beverly und ihrem Vater lang nicht vorbei ist.

Profitiert hat die Neuauflage vor allem vom technischen Fortschritt, den die Branche seit 1990 erfahren hat. Denn das Produktionsniveau ist durchweg beeindruckend hoch. Klar, von einem Blockbuster im Jahre 2017 darf und sollte man so etwas erwarten. Dennoch können sowohl Design als auch Ausführung absolut überzeugen, wenn nicht gar begeistern. Am stärksten spielt Es das bei seinem Star aus: Hatte ich anfangs noch befürchtet, die neue Gestaltung von Pennywise sei im Vergleich zur puristischen, aber wirksamen Clownsmaske von 1990 zu detailliert, zu ausgearbeitet, zu viel, wurde ich schnell eines besseren belehrt.

Spätestens wenn Bill Skarsgård erstmals mit zuckenden Gliedmaßen aus einem engen Schrank klettert und sich geradezu monströs vor den Kindern aufbaut, dann ist diese Erscheinung wahrhaft schauerlich und die Angst der Halbstarken vollkommen nachvollziehbar. Die meisten Horrorkreaturen bringen mich aufgrund ihrer Abstraktheit eher zum Schmunzeln – diesem Clown aber möchte ich wirklich nicht im Dunkeln begegnen. Hinzu kommt Skarsgårds grandioses Mimenspiel, das stets zwischen subtil und höchst expressiv schwankt. Ich hätte es wirklich nicht für möglich gehalten, aber dieser Harlekin übertrifft sogar den großartigen Tim Curry.

Old Boy-Kameramann hinter der Linse
Formal kann Es vornehmlich bei der Kameraarbeit auftrumpfen. Für die zeichnet niemand geringeres als Chung-hoon Chung verantwortlich – seines Zeichens Haus-DoP von Park Chan-wook, für den er unter anderem Old BoyStoker und Die Taschendiebin abdrehte. Und auch diesmal kreiert er Bilder, die sich gewaschen haben und permanentes Unwohlsein provozieren: Schiefe Bilder im Dutch Angle dominieren die Ästhetik von Es, jede Kameraeinstellung und -bewegung ist ein kleines Kunstwerk für sich. Herausragend (weil unkonventionell) inszeniert sind zudem die Momente, in denen Pennywise zum Angriff ansetzt. Das Problem: Chung fehlt ein ebenbürtiger Cutter. Denn erst mit dem richtigen Schnitt – das konnte man dutzendfach in Old Boy und Stoker erleben – entfalten seine Bilder ihre vollkommene Wirkung. In Es jedoch gestalten sich die Schnitte einfallslos, in der Action geht die Übersicht flöten.

Und auch beim wichtigsten Aspekt muss ich meckern. Zwar setzt Es auch auf  psychologischen Horror, spielt so permanent mit der Fantasie des Zuschauers und führt ihn ein ums andere Mal auch in die Irre. Ebenso oft kommt es jedoch zu ausgelutschten Jumpscares aus der Grusel-Mottenkiste. Die funktionieren stets nach dem Muster „Kameraschwenk/Cut + extrem laute Musik“ und nutzen sich deshalb schnell ab. Bei wem so etwas noch wirkt: Glückwunsch, ihr werdet mit Es vollkommen glücklich werden. Alle anderen werden spätestens beim fünften Jumpscare ein wenig genervt sein.

Fazit
Es 
ist zum Glück genau das geworden, was man erwarten durfte: Die extrem hochwertig produzierte Neuauflage eines Kultfilms, die dessen Fehler nahezu perfekt auszubügeln weiß. Sogar Pennywise überzeugt auf ganzer Linie. Doch ausgerechnet beim wichtigsten Aspekt schwächelt der Film: beim Horror. Zu viele Jumpscares trüben den positiven Gesamteindruck und kosten Es damit nicht nur eine höhere Bewertung, sondern auch eine sichere Position auf meiner Top-10-Liste für das Jahr 2017. Empfehlen kann, nein, muss ich diese Clowneske trotzdem.

Bilder & Trailer: (c) Warner Bros.

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