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Im Kino: Styx

Wolfgang Fischer, DEU 2018

Dieser Film kommt, so könnte man meinen, ein paar Wochen zu spät. Im Juli, als die absurde Diskussion um die Legitimität von Seenotrettungen im Mittelmeer ihren Höhepunkt erreichte, wäre Styx ein echtes Politikum gewesen. Inzwischen haben sich die Wogen halbwegs geglättet. Währenddessen geht das Sterben weiter. Vielleicht ist es deshalb umso besser, dass Styx erst jetzt erscheint. Denn so leistet er einen kleinen Beitrag dazu, sein Thema nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Der Titel führt zunächst in die Irre: Styx spielt nicht etwa auf einem Fluss, sondern im Atlantik. Der Metapher tut das jedoch keinen Abbruch. Denn mit der Grenze zwischen Leben und Tod, die der Fluss in der griechischen Mythologie symbolisierte, kommt auch die Protagonistin dieser Geschichte in Berührung. Die beginnt simpel: Die deutsche Notärztin Rike (Susanne Wolff) genehmigt sich eine Auszeit und segelt von Gibraltar aus die westafrikanischen Küste entlang.

Der reduzierte Schauplatz, die Abwesenheit von Musik und Sprache sowie die stoische Ruhe der Kamera machen die erste Hälfte dieses Films zu einer Exposition der besonderen Art. Wie im offenkundigen Vorbild All is Lost haucht Wolfgang Fischer seiner Hauptfigur durch schlichtes Zeigen dessen, was sie tut, mehr Menschlichkeit ein, als es hunderte Dialogzeilen könnten. Und obwohl Susanne Wolff nicht das Charisma eines Robert Redford besitzt, gelingt dieses Vorhaben. Wie sie sich vorbereitet, was sie liest, mit welch chirurgischer Präzision sie ihr Boot handhabt: Diese Frau weiß einfach, was sie tut.

Diese Sicherheit währt jedoch nicht lang. Eines Morgens treibt neben Rikes Boot ein Schiff voller Flüchtlinge, die nach Hilfe rufen. Einige springen von Bord, nur einer – der jugendliche Kingsley (Gedion Oduor Wekesa) – schafft es sich vor dem Ertrinken und auf Rikes Boot zu retten. Die Küstenwache beschwört die Seglerin derweil, Abstand von den Hilfesuchenden zu halten, und verspricht Rettung. Die aber einfach nicht kommt.

Der Satz „Wir können nicht alle aufnehmen“ wird in Styx seines Daseins als politische Phrase enthoben und bekommt eine neue, wortwörtliche Bedeutung. Hin- und hergerissen zwischen dem Drang und der gleichzeitigen Unfähigkeit zu helfen, gerät Rike – die berufsmäßige Retterin – in eine Situation, die kein humanistisch geprägter Geist verarbeiten kann. Wie auch? Während in Deutschland, wie zu Beginn eindrucksvoll gezeigt, nach einem Verkehrsunfall ganze Hundertschaften innerhalb von Minuten anrücken, werden hier auf dem Meer unzählige Ertrinkende einfach im Stich gelassen. Und wer doch hilft, so die perverse Pointe, der wird kriminalisiert.

Dieses moralische Gedankenspiel, dieses so fundamentale Dilemma frisst einen im Laufe der zweiten Hälfte förmlich auf. Das funktioniert deshalb so gut, weil Fischer seinen Film in einen universalen Rahmen setzt, ihn nicht etwa an eine reale Begebenheit anlehnt. Deshalb spielt Styx auch nicht im Mittelmeer. Deswegen wird mit keinem Wort erwähnt, woher die Flüchtenden kommen oder warum sie flüchten. Das spielt alles keine Rolle. Nur eines ist wichtig: dass es Menschen sind, die Hilfe brauchen. Diese Erkenntnis kommt nicht etwa mit dem gesellschaftspolitischen Dampfhammer. Sie erschließt sich durch bloßes Zusehen und Reflektieren. Und für Reflexion bietet Styx mehr als genug Platz. Show, don’t tell – Wolfgang Fischer hat diese Maxime mit größtmöglicher Effizienz umgesetzt.

Bilder & Trailer: (c) Zorro Film

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