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Gundermann

Andreas Dresen, DEU 2018

Gleich vorweg: Ich werde während der folgenden Zeilen nicht neutral bleiben können. Gundermann spielt nämlich in jener Stadt, die in den ersten 20 Jahren meines Lebens meine Heimat war: Hoyerswerda. Weshalb ich mich ohne weitere Bedenken zur These hinreißen lasse, dass der neue Film von Andreas Dresen das „Flair“ dieser Kleinstadt im Osten Sachsens perfekt einfängt. Die das Stadtbild prägenden, trist-grauen Plattenbauten sind mittlerweile zwar saniert und deutlich ausgedünnt worden. Bis vor wenigen Jahren sah Hoywoy aber noch ziemlich genau so aus, wie in diesem Film.

Ebenfalls bis vor wenigen Jahren lebte die Stadt – wirtschaftlich gesehen – vom Braunkohleabbau im nahe gelegenen Ort Schwarze Pumpe. Genau dort arbeitete ab den mittleren 1970ern auch Gerhard Gundermann, der sich zeitgleich als lokaler Musiker hervortat. Gundermann porträtiert dessen Leben im ständigen, inszenatorischen Wechsel zwischen DDR- und Nachwendezeit – und zeichnet dabei ein enorm ambivalentes Bild seines Protagonisten.

Dresen, der sich mit Als wir träumten zuletzt der Nachwendezeit im Osten Leipzigs widmete, inszeniert Gundermanns Leben als eines voller Gegensätze. Er ist Arbeiter und Künstler, Realist und Idealist, Kommunist und Individualist. Er arbeitet als inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi und wird selbst bespitzelt. Ist Täter und Opfer, Systemanhänger und Rebell. Pragmatiker und Träumer. Diese Kontraste kommen im Wechsel der Erzählebenen wunderbar zur Geltung, gleichwohl die hohe Frequenz der Zeitsprünge gelegentlich für Desorientierung sorgt.

Den rote Faden – und zugleich den Katalysator für die inneren Konflikte der Hauptfigur – bildet die akustische Ebene, die aus zahlreichen Songs des Liedermachers besteht. Die erstrecken sich atmosphärisch von melancholischen bis hin zu schmissig-launigen Folksongs. Und sorgen dabei mühelos für den ein oder anderen Gänsehautmoment.

Mit Alexander Scheer bekommen wir zudem einen Hauptdarsteller, der der lokalen Musiklegende nicht nur äußerlich gleicht. Der 42-Jährige geht auch schauspielerisch vollkommen in seiner Rolle auf, liefert mehrere memorable Szenen ab – und singt sogar die Songs. Und das auch noch verdammt gut.

Selbst wenn man also keine persönlichen Bezugspunkte zu diesem Film und seiner Handlung hat (sprich: zum Leben im Osten und speziell in einer ostdeutschen Kleinstadt), gibt es also sehr viele gute Gründe, sich diesen Film anzuschauen. Dann erst kann Gundermann wohl auch seiner eigentlich Absicht nachkommen, ein Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Biografien in diesem Land zu sei. Und eine der unterrepräsentierten zu zeigen.

Gundermann ist ab 25. Januar für’s Heimkino erhältlich.

 

Bilder & Trailer: (c) Pandora Filmverleih

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