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How to sell Drugs Online (fast)

Philipp Käßbohrer/Matthias Murmann, Netflix, DEU 2019

„Wenn man im Internet im großen Stil Drogen verkauft, sollte man eine Sache auf gar keinen Fall machen: wildfremden Leuten davon erzählen“, sind die ersten Worte, mit denen sich der Protagonist von How to Sell Drugs Online (Fast) ans Publikum richtet. Und denen er sogleich anfügt: „Außer natürlich, Netflix ruft an und sagt, sie wollen eine Serie über dein Leben machen.“ Eine Pointe, die unmittelbar deutlich macht: Das hier wird kein biederes Lehrstück über die Amoralität des Betäubungsmittelhandels, sondern ein äußerst humorvoller Beitrag zur deutschen TV-Unterhaltung. Und, so viel sei verraten, überdies ein verdammt gutes.

Ob der Streaming-Dienst Netflix tatsächlich Maximilian S. kontaktiert hatte, um sich über dessen Lebensgeschichte zu erkundigen, kann man anzweifeln. Zwar habe – das verrieten die Produzenten kürzlich – der unter dem Pseudonym „Shiny Flakes“ bekannte Leipziger während seines Hafturlaubs tatsächlich das Drehteam besucht und ihm gezeigt, wie er einst in seinem Kinderzimmer im Stadtteil Gohlis die Drogen in Luftpolsterumschlägen verpackte, um sie anschließend per Post innerhalb Deutschlands, zuweilen aber auch in die ganze Welt zu schicken.

Knapp eine Tonne Drogen – Ecstasy, Kokain, Meth, Haschisch und mehr – konnte er so innerhalb von zwei Jahren in Umlauf bringen. Geschätzter Umsatz: vier Millionen Euro. How to Sell Drugs Online (Fast) ist allerdings keine originalgetreue Nacherzählung von Shiny Flakes’ Geschichte. Stattdessen nimmt sich die Serie alle Freiheiten, die es braucht, um eine gute Geschichte zu erzählen.

V.l.: Maximilian Mundt und Danilo Kamperidis in „How to sell Drugs online (fast)“. (c) Netflix

Der auffälligste Unterschied zwischen Realität und Serie: Der Handlungsort wurde von Leipzig in die fiktive Kleinstadt Rinseln verlegt. Auch ist Moritz Zimmermann (gespielt von Maximilian Mundt) kein Einzeltäter, sondern arbeitet eng mit seinem besten und einzigen Freund Lenny (Danilo Kamperidis) zusammen, der aufgrund einer Krankheit an den Rollstuhl gefesselt ist. Und: Während Maximilian S. bei seiner alleinerziehenden Mutter lebte und von dort aus operierte, wohnt Moritz Z. im Hause seines Vaters, einem geistig eher simpel gestrickten Polizisten. Der inhaltliche Kern bleibt allerdings bestehen: Ein einzelgängerischer Computerfreak baut in seinem Kinderzimmer einen Online-Drogenhandel auf und verdient damit Millionen.

Warum sich Maximilian S. 2013 zu diesem Schritt in die Illegalität entschloss, konnte seinerzeit auch vor Gericht nicht abschließend geklärt werden. Er habe bescheiden gelebt, ums Geld sei es dem heute 24-Jährigen nie gegangen, führte sein Verteidiger damals an. Sollte das stimmen, wäre das eine Eigenschaft, die er mit seiner Serien-Verkörperung Moritz teilt, dem es vor allem darum geht, etwas Besonderes zu sein. Gleichwohl folgt seine Motivation der klassischen Logik eines Drehbuchs: Persönliche Probleme – Mobbing in der Schule und die Trennung von seiner Freundin – führen über mehrere Ecken dazu, dass er eine größere Menge Ecstasy von einem zwielichtigen Hinterwäldler-Dealer (fantastisch gespielt vom „Tatort-Reiniger“ Bjarne Mädel) erwirbt, mit der er seiner Ex imponieren will. Die hat während ihres Auslandsjahres in den USA nämlich Gefallen an der Partydroge gefunden.

Neben physischen Drogen spielen in „How to Sell Drugs Online (Fast)“ auch die digitalen – Instagram, Youtube, Facebook – eine maßgebliche Rolle. Die Sucht nach Aufmerksamkeit und sozialem Status wird zwar kritisch hinterfragt, aber nie komplett verurteilt und abgewertet. Für deutsche TV-Verhältnisse wird der moralische Kosmos der Jugend hier erstaunlich ambivalent verhandelt. Mit der Elterngeneration geht die Serie da schon härter ins Gericht.

Zugleich zeigt die Serie, dass die verantwortliche Produktionsfirma „bildundtonfabrik“ nicht nur bei Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ zu kreativen Höchstleistungen in der Lage ist: Bunte Farben, schnelle Schnitte, mitreißende Musik und eine enorm einfallsreiche Inszenierung (direkte Ansprachen ans Publikum, Meta-Gags, unzählige Referenzen an Serien, Filme und Videospiel) dominieren das Geschehen auf dem Bildschirm. Und Humor hat das in Köln ansässige Team sowieso. Und zwar eine ganze Menge.

Rund zwei Jahre lang lief das Online-Geschäft für den Leipziger „Shiny Flakes“ gut. Den Behörden ging der damals 20-Jährige schließlich ins Netz, weil er für den Versand stets die gleiche Packstation nutzte und bei der Frankierung der Umschläge kleinere Fehler machte. 2015 wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt. Moritz bleibt von diesem Schicksal in der ersten Staffel von How to Sell Drugs Online (Fast) noch verschont. Die sechs Folgen enden mit der Eröffnung des Online-Shops und versprechen: „Ab da ging’s erst richtig los.“ Bleibt zu hoffen, dass bald eine zweite Staffel folgt.

Dieser Text erschien zuerst in der Leipziger Volkszeitung.


 

Bilder & Trailer: (c) Netflix

7 Kommentare zu „How to sell Drugs Online (fast) Hinterlasse einen Kommentar

  1. Bin jetzt auch schon durch, lässt sich ja sehr schnell wegschauen!
    Sehr schön geschriebene Kritik, stimme dir im Prinzip bei allem zu. Die Serie ist aufregend und kreativ inszeniert, Bildsprache ist toll, Schnitt, Farben, Look: das alles kann sich für Deutschland echt sehen lassen. Wo wir dann auch wieder bei diesem Zusatz „für eine deutsche Serie“ sind. Wie fandest du denn das Schauspiel? Ich fande, dass sich da die deutsche Schule bemerkbar macht, gerade in Dialogen, aber eben auch bei den beiden Hauptfiguren. Da will dann auch nicht so der Funke überspringen, auch weil die Figuren nicht sonderlich sympathisch und mitreißend sind. Ich finde das Drehbuch ist da an manchen Stellen schon auch etwas ausbaufähig. Hinzu kommt, dass sich die Serie schon extrem von Klischees bedient. Das sind aber eigentlich auch alle Kritikpunkte die ich habe, dem gegenüber stehen auch sehr starke Punkte, die du auch schon zurecht genannt hast. Bin gespannt was da kommt, Staffel 1 mutet ja eher wie eine Art „Bewerbung“ an, mehr Staffeln drehen zu dürfen, um sich vollkommen auszutoben. Dem wäre ich definitiv nicht abgeneigt.

    Gefällt 2 Personen

    • Jup, schaut sich schnell weg – schön zu hören, dass es zusagt 🙂
      Bzgl. des Schauspiels bin ich diesmal tatsächlich eher positiv angetan. Finde eigentlich, dass gerade die beiden Hauptdarsteller ihre jugendlichen Rollen sehr gut verkörpern und es alles sehr authentisch klingt. Bei den Nebendarstellern gibt es durchaus noch Nachholbedarf. Allerdings reißt es Bjarne Mädel trotz seiner eher wenigen Auftritte für mich aber voll raus ^^
      am Drehbuch habe ich allerdings nichts auszusetzen. Klar, wenn ich mir die Serie jetzt nochmal anschaue und genauer drauf achte, werden mir bestimmt auch ein paar Schwächen auffallen. Aber das verdammt hohe Erzähltempo hat das für mich erstmal überdecken können

      Gefällt 1 Person

      • Ja das Erzähltempo und der Unterhaltungswertung ist der Wahnsinn.
        Ich fande halt, dass die Hauptfiguren kaum über Charisma verfügen und auch stimmlich da etwas die Power fehlt, Die Figuren selbst wirken auf mich halt relativ uninteressant und bin mir noch nicht sicher woran das liegt. Trotzdem meckern auf hohem Niveau, aber das fehlt mir eben, um mich von der Serie flashen zu lassen. Bin mal gespannt was da noch so kommt

        Gefällt 1 Person

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