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Für Sama

For Sama, Waad al-Kateab/Edward Watts, UK/SYR 2019 – Die Straßen liegen in Trümmern, am Horizont steigen Rauchschwaden von Bombeneinschlägen auf, schwer verletzte Kinder und Erwachsene werden in notdürftig eingerichteten Krankenhäusern versorgt – und dazwischen unzählige Tote: Solche Bilder aus Syrien haben wir in den vergangenen Jahren zuhauf gesehen. Sooft, dass sie für manch einen womöglich schon zur Gewohnheit geworden sind. Die Welt scheint sich mit dem Leid in dem Bürgerkriegs-geplagten Land irgendwie abgefunden zu haben. Zumindest solange, bis wieder Flüchtende an der EU-Außengrenze stehen und Asyl einfordern.

Einer neuen Dokumentation könnte es nun gelingen, den Grund für diese Migrationsströme, vor allem aber dieses Leid wieder ins kollektive Bewusstsein zu rücken und eine nachhaltigere Wirkung zu erzielen, als es jeder journalistische Bericht könnte: Für Sama nennt sich dieser Film, in dem die Syrerin Waad al-Kateab eigens angefertigte Aufnahmen aus dem Herzen Aleppos zusammengestellt hat, die über einen Zeitraum von fünf Jahren entstanden. Der subjektive Charakter wird dabei von Beginn an deutlich gemacht: Al-Kateab erzählt davon, wie sie als junge Frau für ein Studium nach Aleppo zog. Wie die Proteste gegen Machthaber Assad für Euphorie unter den Studierenden sorgte. Wie die Aussicht auf die Befreiung von der Diktatur eine ganze Stadt in Ekstase versetzte. Und wie die Hoffnung, die der Arabische Frühling einst weckte, mit blanker der Gewalt zerschlagen wurde.

„Für Sama“ © Filmperlen

Al-Kateab hat ihren Film als cineastischen Liebesbrief an ihre Tochter Sama inszeniert, die inmitten dieses Chaos‘ zur Welt kam, dem steten Klang von Explosionen und Schüssen ausgesetzt. Natürlich zeigt Für Sama auch Momente der Ruhe und des Friedens, Al-Kateabs Hochzeit etwa oder berührende Momente der Zweisamkeit mit ihrer Tochter. Doch dann kehrt die grausame Realität zurück, umso härter – und die Opfer sind dabei viel zu oft Kinder. Das eigene Kind zu Grabe tragen zu müssen – diese Erfahrung haben viel zu viele Mütter in Syrien gemacht. Es versteht sich von selbst, dass das nicht spurlos an der Filmemacherin vorbeiging. Und so kann man Al-Kateabs bald geäußerten Wunsch, Sama nie geboren zu haben, auch völlig nachvollziehen.

Neben Sama spielt vor allem der Ehemann der Regisseurin eine große Rolle, der als Arzt – einer der letzten noch verbliebenen in Aleppo – ein provisorisches Krankenhaus errichtete und sich mit zahlreichen freiwilligen Helfern um die zivilen Opfer des Beschusses der syrischen Regierungstruppen und russischen Kampfjets kümmerte. Das Geschehen innerhalb dieses Lazaretts fängt Für Sama mit einer schonungslosen Authentizität ein: Immer wieder sind Blut und leblose Körper zu sehen, jedoch nie in einem solchen Maß, dass es voyeuristisch wirken würde. Und während sich die Truppen nähern, wächst die Angst stetig an – bei den Zivilisten wie auch beim Publikum.

Für Sama nimmt dabei keine (vermeintlich) objektive Perspektive ein, geht stattdessen offen mit seiner stark persönlichen Färbung um, was sich zugleich als seine größte Stärke erweist. Wo ein journalistischer Bericht eine Distanz schafft, dringt dieser Film unfassbar tief in das Leben im zerstörten Aleppo ein, schafft eine Nähe, die ihresgleichen sucht und selbst die kältesten Gemüter innerhalb seiner fast schon klassisch filmischen Dramaturgie mit emotionalen Höhe- und Tiefpunkten malträtiert. Für Sama ist ein Film, der an die Nieren geht. Der zugleich extrem wichtig ist, weil er uns diesen brutalen Konflikt und die menschenverachtenden Taten, die mit ihm einher gingen und noch immer gehen, so sehr vor Augen führt, wie kein anderes Medium es bisher vermochte. Und der der westlichen Welt mit schonungsloser Härte zeigt, welches Unrecht sie geschehen lassen hat.

Bilder & Trailer: © Filmperlen

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