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Climax

Gaspar Noé, FRA 2018 – Wenn der Name Gaspar Noé auf einem Film steht, dann ist Unwohlsein vorprogrammiert. Der neueste Streich des Franzosen, der unter anderem den nervenaufreibenden Irreversible und den nicht minder verstörenden Enter the Void inszenierte, hört auf den Namen Climax. Und obwohl dieser Titel die Erwartungen in eine ganz bestimmte Richtung lenkt, geht es nicht – zumindest nicht in erster Linie – um Sex. Gleichwohl aber um etwas, das in seiner Ästhetik und Körperbetontheit dem Akt der Liebe nicht unähnlich ist: Tanz. Am Anfang steht zunächst eine Performance – und was für eine! In einer gut zehnminütigen, schnittfreien Einstellung zeigen einige herausragende Breakdance- und Crumping-Tänzer, zu welchen aberwitzigen Verrenkungen und Bewegungen sie imstande sind. Noé zieht den Zuschauer sofort in den Bann – nur um im direkt im Anschluss mitttels einer drögen Abfolge scheinbar zusammenhangsloser Dialogszenen damit zu brechen.

Noé nutzt diese Szenen, um seinen Figuren (allesamt Laiendarsteller, bis auf Frontfrau Sofia Boutella) noch ein wenig charakterliches Fleisch zu verpassen. Dabei ließe sich durchaus argumentieren, dass bereits der grandiose Einstieg genug über die Figuren aussagt. Aber geschenkt. Denn ist diese Hürde erstmal überwunden, nehmen Chaos und Anarchie ihren Lauf: Eine Droge, die ohne das Wissen der anderen in der Sangria gelandet ist, lässt die anschließende Party zu einem Akt der völligen Ekstase eskalieren. Da geraten Menschen in Brand, andere vollziehen vor aller Augen den Beischlaf, wieder andere ritzen sich ihre Haut mit einem stumpfen Messer auf.

Climax wird im Laufe seiner 93 Minuten konstant unangenehmer – und das spiegelt auch die Kameraführung wider. Die Bilder werden immer schräger und monochromer, irgendwann wird nur noch kopfüber gefilmt. Noé nimmt dem Zuschauer gleichsam die Orientierung, wie er es auch mit seinen Figuren tut. Treibende Elektromusik verstärkt den Effekt der Ver- und Entfremdung bis hin zur großen Katastrophe. Das Ganze allerdings als Mahnung vor Drogenkonsum zu lesen, ist dann doch etwas einfach – vielmehr zeigt Climax, wie sich eine (kleine) Gesellschaft im hedonistischen Rausch allmählich kannibalisiert und in die tiefsten moralischen Abgründe abrutscht. Hier sind bewusstseinsverändernde Stoffe der Auslöser, außerhalb der Tanzhalle sind es Dinge wie Geld, Macht oder Konsum. Noch vor alledem steht aber die Frage, ob dieser Film überhaupt mehr sein will, als ein berauschend-verstörender Fiebertraum auf Celluloid. Diesen Anspruch jedenfalls erfüllt er mit Bravour. Denn so schnell wird man Climax nach dem Abspann nicht vergessen.

imdb / Trailer

Bild: (c) Wild Bunch/Alamode Film

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