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Le Mans 66 – Gegen jede Chance

Ford v Ferrari, James Mangold, USA 2019 7000 Umdrehungen. Das ist die magische Grenze, an der alles verblasst und schwerelos wird, erzählt Carroll Shelby (Matt Damon) zu Beginn von Le Mans 66 aus dem Off. Nur das fade Licht der Scheinwerfer weist ihm währenddessen den Weg über den dunklen, regennassen Asphalt des französischen Örtchens. 24 Stunden dauert dieses Rennen, eine Belastungsprobe für Auto und Fahrer. Bei einem Boxenstopp entzündet sich auslaufendes Benzin, die Flammen greifen auf Shelbys Rücken über. Die Crew reagiert schnell, löscht das Feuer. Und der Rennfahrer steigt wieder ins Auto. Am Ende holt er sich den ersten Platz.

Schon der Beginn des neuen Films von James Mangold, der mit Walk the Line bereits ein starkes Biopic inszenierte und zuletzt mit Logan einen düsteren Abgesang auf das Superhelden-Genre vorlegte, zeigt, welcher Menschenschlag hier im Mittelpunkt stehen: Männer, die aufs Ganze gehen. Einer von ihnen ist eben jener Shelby, der nach dem Sieg von Le Mans 1959 seine Rennfahrerkarriere an den Nagel hängt und sich gänzlich der Konstruktion von Rennautos verschreibt. Der andere ist Ken Miles (Christian Bale), ebenfalls begnadeter Fahrer und Autoschrauber. Seine Hitzköpfigkeit und sein Hang zu unbequemer Ehrlichkeit haben ihm jedoch bisher ein Leben im Scheinwerferlicht verwehrt. Und die Garage, die er gemeinsam mit seiner Frau (Caitriona Balfe) betreibt, steht vor dem Bankrott.

Szenenwechsel. In den Automobilwerken von Ford herrscht Alarmzustand. Die Umsätze brechen weg, der einst renommierte Hersteller leidet unter einem spießigen Kleinwagen-Image. Der Einstieg in den internationalen Motorsport soll es richten. Ein Kaufangebot an Enzo Ferrari (Remo Girone) mündet in einem Eklat. Henry Ford II. (Tracy Letts) beschließt daraufhin, es „dem alten Enzo“ auf dem Asphalt heimzuzahlen – in Le Mans. Carroll Shelby wird engagiert und holt seinerseits Miles ins Boot. Gemeinsam feilen sie an einer Maschine, die den alles dominierenden Sportwagenhersteller in die Schranken weisen soll.

Christian Bale (links) und Matt Damon (Hintergrund) in „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“. (c) 20th Century Fox Germany

Dieses Unterfangen ist natürlich alles andere als leicht – ein Umstand, der Material für einen vortrefflichen Film liefert, der vom Willen zu Perfektion und Grenzüberschreitungen erzählt. Der Name des Regisseurs (zugleich am Drehbuch beteiligt) sowie der beeindruckende Cast, zu dem etwa auch Jon Berenthal zählt, ließen bereits erahnen, dass es sich bei Le Mans 66 nicht um einen Film von der Stange handeln würde. Dass dabei aber tatsächlich einer der unterhaltsamsten Filme des Jahres entstanden ist, ist schon eine kleine Überraschung.

Den Löwenanteil daran haben die zwei Hauptfiguren, beide mit unheimlichen Fachkenntnissen gesegnet, doch charakterlich völlig different. Shelby ist der kühle Pragmatiker, der seinen Stolz zur Not auch mal runterschlucken kann und vor der Chefetage buckelt, damit das Rennwagenprojekt fortgeführt wird. Miles hingegen ist sowohl liebender Familienvater als auch ein temperamentvoller, aber bescheidener Underdog. Das Zusammenspiel beider entwickelt im Laufe des Films eine mitreißende Dynamik, die sich etwa in einer höchst amüsanten Prügelei Bahn bricht.

Überhaupt ist Le Mans 66 ein sehr witziger (aber nie alberner) Film, der die eher dröge Geschichte, die ihm zugrunde liegt, angenehm leichtfüßig aufarbeitet. Gleichwohl mutet es schon ein wenig cringy an, wenn das Auto hier (mal wieder) zum Fetisch-Objekt erklärt wird. Man müsse es fühlen, sein Stöhnen hören, seinen Schmerz wahrnehmen, erklärt Miles da seinem Sohn. Doch transportieren solche Dialoge eben in erster Linie eines: die völlige Passion und Hingabe ihrer Figuren. Die spürt man in Le Mans 66 vom Anfang bis zum Schluss – und sie zwingt das Publikum beinahe dazu, mit ihnen mitzufiebern.

Schon Ron Howards Rush gelang es, die Faszination Motorsport zumindest teilweise zu vermitteln. Besonders einnehmend war hier die Dynamik, die sich aus der Konkurrenz von Niki Lauda (Daniel Brühl) und James Hunt (Chris Hemsworth) ergab. Le Mans 66 fehlt ein solch antagonistisches Verhältnis – insofern ist der Originaltitel Ford v Ferrari durchaus trügerisch. Der italienische Autobauer ist zwar die treibende Kraft hinter Shelbys und Miles‘ Arbeit, doch seine Präsenz fällt vergleichsweise klein aus. Der eigentliche Konflikt findet stattdessen zwischen den Konstrukteuren und der PR-Abteilung statt – Macher gegen Schwätzer, Sein gegen Schein. Obwohl der Ton bisweilen martialische Züge annimmt (kurzzeitig ist etwa die Rede davon, erneut in den Krieg zu ziehen, diesmal auf der Straße), ist der Film aber keine blinde Liebeserklärung an Ford oder amerikanische Autos. Dafür lässt sich die Chefetage deutlich zu viel zu Schulden kommen, derweil das Verhältnis zur italienischen Konkurrenz stets von Respekt begleitet wird.

Le Mans 66 hat seine Startschwierigkeiten. Die Schauplätze wechseln anfangs zu schnell, die Einführung der Charaktere wirkt ungelenk und eher wie eine Pflichtaufgabe. Doch ist der erzählerische Grundstein erst einmal gelegt, dreht dieser Film immer weiter auf – bis man sich fühlt, wie Carroll Shelby bei 7000 Umdrehungen. Da wo alles verblasst und schwerelos wird.

 

Bilder & Trailer: (c) 20th Century Fox Germany

5 Kommentare zu „Le Mans 66 – Gegen jede Chance Hinterlasse einen Kommentar

  1. Mit den Startschwierigkeiten gebe ich dir absolut Recht. Aber dank Matt Damon und Christian Bale ist das zu verschmerzen. Was ich ganz cool fand, war die Tatsache, dass hier Rennsport mal wirklich als Ingenieurssport gezeigt wurde.

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