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The New Mutants (2020)

Josh Boone, USA 2020 – Disney befindet sich in einer Experimentierphase. Den katastrophalen Artemis Fowl schiebt man gleich in die Flat von Disney+ ab, mit Mulan wagt man die Einführung eines „VIP-Zugangs“ für 22 Euro – und dem über Jahre verschobenen The New Mutants gewährt man tatsächlich einen normalen Kinostart. Nun ja, zumindest so „normal“, wie es unter aktuellen Umständen möglich ist. Dabei hat man offenbar vergessen, die Werbetrommel zu rühren, denn zur 19-Uhr-Vorstellung am Sonntag hatten meine Begleitung und ich den Kinosaal ganz für uns allein. Was wirklich bedauerlich ist, da The New Mutants (zumindest basierend auf den Meinungen, die ich zu Mulan mitbekommen habe) der beste der drei genannten Filme ist.

Vorangestellt sei, dass dieser Eindruck einer spezifischen Erwartungshaltung entspringt – nämlich einer nicht vorhandenen. Rein gar nichts hatte ich über New Mutants zuvor gehört oder gelesen, keinen Trailer geschaut, keine PR mitbekommen (die war ja ohnehin kaum vorhanden). Ich wusste lediglich: Dieser Film wurde immer wieder delayed. Und: Er ist ein neuer Beitrag zum X-Men-Universum.

Und zwar ein ziemlich guter, allein schon deshalb, weil man im Gegensatz zu den meisten Superheldenfilmen da draußen keinerlei Vorwissen mitbringen muss. New Mutants beginnt mit einer jungen Frau mit indigenen Wurzeln, Danielle Moonstar (Blu Hunt), die von ihrem Vater mitten in der Nacht panisch geweckt wird. Etwas Großes nähert sich, zerlegt die Wohnwagensiedlung in Danielles Reservat zu Kleinholz und verfolgt sie durch den Wald. Danielle stürzt, fällt in Ohnmacht – und wacht in einem Krankenhaus auf.

Laut der dortigen, allein agierenden Ärztin Cecilia Reyes (Alice Braga) befindet sich Danielle in einer Einrichtung für junge Mutanten, deren Kräfte erst kürzlich freigesetzt wurden und in der sie lernen sollen, diese zu kontrollieren. Hinter Reyes steht ein ominöser Auftraggeber – dass es sich um Professor X handeln muss, das ahnen die anderen Teens in der Einrichtung bereits. Derer sind es vier an der Zahl, allesamt mit düsteren, traumatischen Vergangenheiten belastet, die nach und nach ans Licht kommen und die sich durch eine mysteriöse Kraft alsbald sogar manifestieren.

Schnell ist klar, dass Danielles bisher unbekannte Superkraft mit diesen Erscheinungen in Verbindung steht. In dieser Hinsicht ist New Mutants ziemlich berechenbar, was auch für den wenig überraschenden Twist kurz vor dem Finale gilt. Lobenswert ist jedoch, welche Stoßrichtung der Film im Allgemeinen einschlägt: Im Fokus dieses Genrehybriden aus Coming-of-Age- und Superheldenplot steht nicht die Rettung der Welt vor irgendeinem Superschurken, sondern die persönliche Bewältigung individueller Traumata und verstörender Kindheitserinnerungen.

Ja, da ist auch eine Prise Horror im Spiel, doch nein, New Mutants ist kein neuer Horrorblockbuster. Wer diesem Marketingstunt aufgesessen sein sollte, wird enttäuscht; die Horrorpassagen sind für erfahrenere Genre-Connaisseure bestenfalls lauwarme Backware vom Vortag. Was New Mutants jedoch sehr gut gelingt, ist die Ängste seiner fünf Hauptfiguren zu visualisieren, sie greifbar zu machen und aus den anfänglichen Stereotypen – die „bitchige“ Zicke (Anya Taylor-Joy), der Junge aus dem Proletariat (Charlie Heaton), die religiös Stigmatisierte (Maisie Williams), der impotente Sunny-Boy (Henry Zaga) – vergleichsweise vielschichtige Figuren zu machen. Jede von ihnen hat ihr eigenes Kreuz zu schultern und ist damit repräsentativ für ganz unterschiedliche Milieus und Konflikte, die sich für einen Menschen im Laufe seiner Jugend ergeben können. Diversität, aber unaufdringlich – Chapeau!

Natürlich reißt New Mutants keine cineastischen Bäume aus, arbeitet sich dramaturgisch an einer (alt)bewährten Struktur ab, ist kein echtes Wunderwerk der Charakterzeichnung und wartet am Ende mit einem typischen Knallbumm-Finale auf. Doch die Kompaktheit und die beklemmende Enge des Schauplatzes (der Film spielt ausschließlich innerhalb des Krankenhauses), der Mut, unbequeme Themen anzuschneiden, sowie die angenehm knackige Laufzeit von gut eineinhalb Stunden machen ihn zu einem Film, bei dem ich ganz ehrlich nicht verstehen kann, weshalb er im Netz derart abgewatscht wird. Meine Erwartungshaltung war zwar nicht existent – meine Ansprüche muss ich dennoch überhaupt nicht senken, um in New Mutants einen guten Film zu sehen.

Bild & Trailer: © 20th Century Studios / Disney

11 Kommentare zu „The New Mutants (2020) Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ich glaub mein großes Problem ist das verschenkte Potential. Denn er sollte eigentlich ein Horrorfilm sein, wurde dann aber durch immer neue Überarbeitungen „weich gespült“. Und man sieht ihm halt noch an, was er hätte sein können.

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    • Er sollte eben nicht unbedingt ein Horrorfilm sein, der erste Trailer hat das nur vermuten lassen und dann sollten mehr Horrorelemente nachgedreht werden, wozu es wegen den Fox-Disney Deal nie kam.

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      • Der ursprüngliche Plan war meines Wissens nach der Horrorfilm, dann sollte er mainstreamiger werden, dann doch wieder nicht und dann kam der Fox-Disney-Deal…

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      • Naja, das hier ist die Version die abgedreht worden ist und es gab ein Hickhack um das Ausmaß der Horror-/Coming Of Age Elemente. Fest stand das Setting und das vergleichsweise günstige Budget

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      • Ist ja eigentlich auch egal. Für mich hätte der Film mehr gekonnt, wenn er von einer Hand fertig gedreht worden wäre, ohne das Ganze hin und her. Ich finde es gut, dass sich hier getraut wurde, mal nicht das typische Superhelden gegen Bösewicht Klischee umzusetzen, aber letztlich hätte er sich mehr trauen dürfen.

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      • Letztendlich hatte ja einer die Fäden in der Hand und der hat seine Vision größtenteils dennoch durchgedrückt und das Ergebnis ist überraschend gut

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      • Wie gesagt meiner Meinung nach hätte er sich einfach mehr trauen dürfen. Und das Setting lässt halt Raum für Spekulationen, welche Atmosphäre er hätte erzeugen können, wenn er es darauf angelegt hätte (ob nun geplant oder nicht). Deswegen war der Film für mich nur Okay und nicht Gut. Aber wenn er dir gefallen, umso besser 🙂 Das beweist ja nur, dass er eben doch einiges richtig gemacht haben muss.

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      • Wenn er mehr in die Horrorrichtung gegangen wäre, wäre er schon wieder generischer gewesen. So waren die dezenten Horrorelemente gut in die Handlung eingewebt.

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      • Ich fand die Horrorelemente haben hier halt ein bisschen fehl am Platz gewirkt. Gerade gegen Ende waren die Charaktere nur noch damit beschäftigt von a nach b zu rennen, weil wieder jemand anderes geschrien hat. Das ganze wurde halt für die Charaktere nicht mehr aufgearbeitet, sondern diente nur noch als Vorbereitung auf die Endschlacht.

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