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Ema (2019)

Pablo Larraín, CHN 2019 – Rückkehr in die Heimat: 2016 inszenierte der chilenische Regisseur Pablo Larraín zuletzt die Biopic-Momentaufnahme Jackie. Für sein jüngstes Werk kehrt er Hollywood wieder den Rücken, behält jedoch einige stilistische und inhaltliche Konstanten seines letzten Films bei. Denn Ema, der nun in den deutschen Kinos startet, trägt nicht nur (wie schon Jackie) den Namen seiner Protagonistin im Titel. Er erweist sich außerdem abermals als visuell herausstechendes und atmosphärisch zerrüttendes Porträt einer Frau, die im Angesicht eines Verlustes um Kontrolle ringt.

Dieser Verlust ist auch hier familiärer Natur. Nicht nur hat Ema (Mariana Di Girolamo) kürzlich ihren Adoptivsohn Polo zurück in die Verantwortung des Jugendamtes gegeben, weil der Junge sich mehrere schwere Verfehlungen geleistet hat und Ema ihrer Rolle als Mutter nicht gerecht wurde – nun steht auch noch die Trennung von ihrem Lebensgefährten Gastón (Gael García Bernal) an. Was umso schwieriger ist, als die leidenschaftliche und professionelle Tänzerin gerade in einer neuen Inszenierung des Theaterregisseurs mitspielt. Die Beziehung ist folglich privater und beruflicher Natur. Die Trennung wird so zu einem langwierigen Wechselbad der Gefühle: Immer wieder finden beide zusammen, nur um sich kurz danach wieder zu zerstreiten – und das teils im Minutentakt.

Seltsam entrückt wirken ihre Dialoge, theaterhaft beinahe, die Kamera fängt die Blicke der Streitenden frontal ein – sie sprechen miteinander und doch einander vorbei. So wird vor allem Ema zu einer schwer (be)greifbaren Figur, die ihren emotionalen Schwierigkeiten einerseits mit destruktiver Kraft begegnet (regelmäßig sieht man sie auf offener Straße mit einem Flammenwerfer hantieren), andererseits mit mehreren parallelen Beziehungen, schnellem, aber leidenschaftlichem Sex und allerhand emotionalen Spielchen. Es dauert eine sehr lange, bis in diesem scheinbaren Durcheinander eine klare Linie erkennbar wird. Zum Ende hin findet Ema jedoch zunehmend zur Kontrolle zurück: in den visuell herausragenden Tanzeinlagen über ihren eigenen Körper, im Privatleben über ihre Gefühle, in ihrer Mutterrolle über ihre Verantwortung. Der Schleier der Moral bleibt bis zuletzt aber ein grauer – und Ema eine ambivalente Figur, bei der sich zuletzt destruktive und harmonisch-zwischenmenschliche Eigenschaften die Waage halten. Mariana Di Girolamo spielt diese Rolle mit enormem Charisma und starker Körperlichkeit.

Ema ist kein leicht und nebenbei konsumierbarer Film, kein unterhaltsamer, keiner, der auf simple Strukturen zurückgreift – und dennoch einer, der eine enorme Sogwirkung entwickeln kann, wenn das Spiel mit Farben, Moral und der Figurenkonstellation im letzten Drittel endlich das zuvor gezeichnete Labyrinth verlässt und ans Licht tritt.

Ema startet am 22. Oktober im Kino.

Bild & Trailer: © Koch Films

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