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Die Wütenden – Les Misérables (2019)

Les Misérables, Ladj Ly, FRA 2019 – Schon bei den ersten Bilder von Ladj Lys Die Wütenden kommen unvermeidbar Erinnerungen an den französischen Klassiker La Haine auf. Zwar verzichtet Ly auf diese eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Optik, doch die Bilder einer Jugend, die in den Banlieues ihre Zeit mit Sport, Herumlungern und Unsinn totschlägt, die von Kriminalität und prekären Lebensverhältnissen umgeben ist und die der Willkür der Polizei ausgeliefert ist, fühlt sich seltsam vertraut an. Allerdings: In Die Wütenden steht eben jene Polizei im Mittelpunkt, konkret zwei erfahrene, rücksichtslose Beamte – Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djibril Zonga) – sowie der noch moralisch integere Neuzugang Stéphane (Damien Bonnard). Gemeinsam ziehen sie an Stéphanes erstem Tag durch die Straßen (was dann zugleich an Training Day erinnert) und geraten im späteren Verlauf der Handlung in eine Situation, die enorme Sprengkraft für alle Beteiligten hat.

Auch wenn das der dramaturgische Höhepunkt ist, ist es jedoch nicht der qualitative, sondern wirkt sogar etwas pflichtschuldig. So als wolle Ly seinem Sitten- und Milieuporträt unbedingt einen klassischen, filmischen Spannungsbogen aufdrücken. Das soll keinesfalls als Kritikpunkt verstanden werden: Die Szenen, die sich in Folge dieser eskalierten Festnahme entspinnen, ergeben mehrere unfassbar spannenden, einprägsame Momente und ein fulminantes Finale, das einem wahrlich den Atem raubt. Die eigentliche Stärke von Die Wütenden liegt jedoch in der Art und Weise, wie er die Vielfalt der Subkulturen in dem porträtierten Stadtviertel zeigt.

Da gibt es die sportbegeisterte Jugend, die Muslimische Bruderschaft mit ihrer charismatischen Leitfigur, den schwarzen Bürgermeister, der in einem eigens angefertigten PSG-Trikot über den Markt schlendert und die Händler ankeift, den bulligen, aus Osteuropa stammenden Inhaber eines Zoos, der ein Löwenjunges sucht, das ihm gestohlen wurde, die schmierigen Drogenhändler und natürlich die Polizei, die zwischen all diesen Parteien vermitteln und schlichten soll – oftmals aber genau das Gegenteil erreicht und zum gemeinsamen Feindbild dieser Subkulturen wird.

Beachtlich ist, dass Ladj Ly keine dieser Parteien und Individuen mit einem Stigma belegt oder sich in simple Gut-Böse-Schablonen flüchtet – sondern dass jeder hier seine eigenen, nachvollziehbaren Beweggründe für sein Verhalten hat. Selbst der aggressive Straßenpolizist Chris kann eine Begründung für sein Verhalten darlegen: Wer hier draußen Schwäche zeigt, ist aufgeschmissen. Die Welt ist eben kompliziert und komplex. Mit Die Wütenden leistet Ly einen weiteren Beitrag dafür, um dies zu begreifen.

imdb / Trailer

Bild: © Alamode Filmverleih / Wildbunch

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