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Multiversums-Gedöns

Dem Zufall (oder vielleicht auch den cleveren Marketing-Leuten von A24) ist es zu verdanken, dass nunmehr mit nur einer Woche Abstand zwei beachtenswerte Filme im Kino erschienen sind, die beide nicht nur verdammt lange Titel haben, sondern auch die Theorie des Multiversums aufgreifen und sie in die cineastischen Praxis umsetzen: Everything Everywhere all at Once (EEO) und Doctor Strange in the Multiverse of Madness (DSMM).

Es drängt sich deshalb geradezu auf, beide in einem Beitrag zu verwursten – vor allem weil beide ihren erzählerischen Leitgedanken aus unterschiedlichen Gründen aufgreifen. Und dabei atmosphärisch doch gar nicht mal so weit auseinanderliegen.

Okay, EEO fährt deutlich stärker die Comedy-Schiene und verknüpft sie mit Martial Arts und Familiendrama; DSMM hingegen ist… nun ja, Marvel halt: Action, Comedy, SciFi und ganz viele Momente, in denen Figuren nebeneinander herlaufen und Dinge erklären. Strange (Cumberbatch) trifft auf America Chavez (Xochitl Gomez), die durch das Multiversum reisen kann, will sie beschützen, tritt unfreiwillig selbst so eine Reise an und muss sich dabei seinen ganz persönlichen Problemen stellen.

Und trotzdem macht das Spaß, mehr sogar als alle anderen Marvel-Filme seit Endgame, weil das Tempo hoch ist, die Antagonistin tatsächlich mal empathisch-emotionales Potenzial mitbringt und sich Regisseur Sam Raimi gen Ende sogar ein bisschen in Richtung morbidem Horror austoben darf. Natürlich bleibt DSMM dabei auf Marvel’sche Art familienfreundlich und massentauglich – und doch hat es was, wenn sich der Film zunächst nach Raimis Spider-Man anfühlt und allmählich zu Tanz der Teufel wird.

Dabei gibt es auch ein paar überraschende Auftritte neuer und alter Figuren – was zugleich der Hauptgrund ist, weshalb sich Marvel zuletzt (Loki, What if…?, No Way Home) erzählerisch so aggressiv in Richtung Multiversum bewegte: Es ist geradezu notwendig, um dem Korsett, das die vergangenen 27 Filme durch ihren Kohärenzanspruch der Marke angezogen haben, zu entfliehen. Figuren zurückbringen, neue aus dem Nichts auftauchen lassen oder aus anderen Franchises übernehmen – ist jetzt alles möglich, und wenn sich mal etwas inhaltlich beißt: „Aber Multiversum!“ Es ist geradezu elegant, wie das MCU hier seinen anfänglichen Anspruch begräbt und uns das als etwas ganz anderes verkauft, nämlich als mehr erzählerischem Freiraum. Und doch muss ich zugeben: Ich mag’s eigentlich.

Was ich auch mag: wie EEO die Multiversum-Idee nutzt, und zwar als (Peudo-)Erklärung dafür, dass alles Mögliche jederzeit passieren kann. Das passt natürlich bestens zum Absurdistan-Humor der Daniels (Swiss Army Man), die hier von Evelyn Wang (Michelle Yeoh) erzählen, die in ihrem Waschsalon ein tristes Dasein fristet und plötzlich mit der Rettung aller Welten konfrontiert wird. Denn nur sie könne es schaffen, so heißt es aus einem anderen Universum, eine böse Entität aufzuhalten – indem sie sich mittels spezieller Technologie all der Superkräfte ihrer anderen Varianten im Multiversum bedient. So entbrennt eine Raid-artig Actionshow in einem Bürokomplex, angereichert durch ganz viel völlig abwegigen (und gerade deshalb so erfrischenden) Humor, was aber nur eine Hülle für den tief menschlichen Kern ist, der sich im Inneren dieses Films verbirgt.

Denn eigentlich geht es um einen Mutter-Tochter-Konflikt, um Erwartungen und Enttäuschungen, um Achtung und Empathie, um Tradition und Neuaufbruch, um Kontrolle und Loslassen, um Entscheidungen und freien Willen. Und um all das, was möglich gewesen wäre, aber verpasst wurde. Die verwirrende, völlig überladene Exposition ist eine Zumutung, der Film insgesamt und vor allem am Ende viel zu lang. Aber Hallelujah! Was hier an mal smarten, mal völlig absurden, mal visuellen Ideen im Sekundentakt auf einen herniederprasselt – es ist einfach eine wahre Freude! Da kann sich DSMM mit seinen lediglich drei (!) Multiversumsschauplätzen (plus eine kurze Montage) mal echt eine Scheibe abschneiden.

Apropos, wie schneiden denn nun beide Filme ab?

Bilder & Trailer: (c) Disney/Leonine

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